Nicht jeder schwitzt gleich viel – doch was ist normal, ab wann spricht man von Hyperhidrose und was hilft gegen die übermässigen, unkontrollierbaren Schweissausbrüche?
Schwitzen ist im Sommer oder beim Sport völlig normal, der Körper reguliert so seine Temperatur. Manche Menschen leiden jedoch unter übermässigem, unkontrolliertem Schwitzen, das unabhängig von hohen Temperaturen auftritt. Diese Erkrankung wird als Hyperhidrose bezeichnet. Sie kann den gesamten Körper betreffen (generalisierte Hyperhidrose) oder lokal begrenzt auftreten (lokale oder fokale Hyperhidrose):
In der Dermatologie wird Hyperhidrose häufig anhand eines Grenzwerts definiert: Eine übermässige Schweissproduktion liegt vor, wenn innerhalb von 5 Minuten etwa 100 ml Schweiss in einer Achselhöhle produziert werden. In schweren Fällen kann die Erkrankung dazu führen, dass Betroffene ständig feuchte Hände und Füsse haben. Zudem sind sie oft gezwungen, ihre durchgeschwitzte Kleidung mehrmals täglich zu wechseln. «Die individuelle Beurteilung ist entscheidend, da nicht alle Menschen mit einer erhöhten Schweissproduktion dieselben Einschränkungen im Alltag empfinden. Die subjektive Wahrnehmung und der persönliche Leidensdruck spielen eine zentrale Rolle bei der Diagnose und Behandlung», meint Milada Touzil, Fachärztin für Dermatologie und Phlebologie, dazu.
Die Symptome von Hyperhidrose treten unabhängig von Aussentemperatur, körperlicher Anstrengung oder anderen offensichtlichen Auslösern auf. Betroffene schwitzen meist ohne erkennbaren Grund und in übermässigem Ausmass, oft mehrmals pro Woche. Herkömmliche Hygiene-Massnahmen wie regelmässiges Duschen oder die Verwendung von Deodorants zeigen bei ihnen keine Wirkung.
In der Schweiz leiden etwa zwei bis vier Prozent der Bevölkerung an Hyperhidrose. Beide Geschlechter können betroffen sein, jedoch tritt die Erkrankung bei Frauen häufiger auf als bei Männern. Hyperhidrose kann bereits im Kindesalter beginnen. Wenn ausschliesslich die Hände betroffen sind, zeigt sich das übermässige Schwitzen oft schon vor der Pubertät. Bei Füssen und Achselhöhlen tritt die Hyperhidrose meist mit Beginn oder im Verlauf der Pubertät auf.
Die Ursache der primären Hyperhidrose ist nicht eindeutig erkennbar. Häufig spielt emotionaler Stress eine zentrale Rolle, da die übermässige Schweissproduktion durch das limbische System im Gehirn gesteuert wird – die Schaltzentrale für Emotionen. Die Symptome treten typischerweise an bestimmten Körperstellen auf, wie den Händen, Füssen, unter den Achseln oder auch im Gesicht.
Im Gegensatz zur primären Form ist die Ursache der sekundären Hyperhidrose klar erkennbar. Sie ist meist eine Folge anderer Erkrankungen, wie beispielsweise:
Darüber hinaus kann sekundäre Hyperhidrose auch als Nebenwirkung bestimmter Medikamente auftreten. Die gestörte Wärmeregulierung, die durch diese Erkrankungen oder Medikamente ausgelöst wird, ist auf eine Fehlfunktion des Nervensystems zurückzuführen. Dabei spielt der Hypothalamus, der für die Steuerung der Körpertemperatur verantwortlich ist, eine entscheidende Rolle.
Hyperhidrose wird durch ein ärztliches Gespräch diagnostiziert, basierend auf der Anamnese und der Beobachtung der Schweissproduktion. Ergänzend können Tests und Messmethoden eingesetzt werden, insbesondere wenn es um die Kostenübernahme durch die Krankenkasse geht.
Häufig wird dabei der Minor-Test eingesetzt – auch bekannt als Jod-Stärke-Test. Dabei wird eine Jodlösung auf die betroffene Stelle aufgetragen und anschliessend mit einem Stärkepulver bestreut. Gerät das Pulver nun in Kontakt mit Schweiss, verfärbt es sich dunkel. So kann sichtbar gemacht werden, wo der Schweiss austritt und wie die Schweissdrüsen verteilt sind.
Betroffene sollten ärztlichen Rat einholen, um die Ursachen des übermässigen Schwitzens abzuklären. «Mögliche Auslöser wie Medikamente, Hormonstörungen oder andere Erkrankungen können in der Anamnese gezielt identifiziert und behandelt werden. Wenn keine klare Ursache erkennbar ist, sollten verschiedene Behandlungsmethoden getestet werden, da deren Erfolg individuell unterschiedlich ausfallen kann», ergänzt die Expertin.
Betroffene sollten in jedem Fall den Konsum von eiskalten Getränken, Kaffee, Alkohol, Nikotin und scharfem Essen einschränken oder ganz darauf verzichten. Diese Nahrungs- und Suchtmittel können die Schweissproduktion anregen.
Salbeitropfen können die Neigung zum Schwitzen geringfügig mindern. Obwohl der Effekt gering ist und keine zuverlässigen Studien vorliegen, sind sie nebenwirkungsfrei und günstig.
Die topische Therapie setzt gezielt an den betroffenen Körperstellen an und umfasst lokale Anwendungen wie Cremes oder Deodorants, jedoch keine systemischen Behandlungen wie Tabletten. Zu den häufigsten und bewährten Methoden gehören aluminiumhaltige Deodorants mit einem Aluminiumchlorid-Gehalt von 15 bis 20 Prozent, die in der Apotheke erhältlich sind – meist auf Rezept. Diese Produkte wirken, indem sie die Schweissporen verschliessen und so die Schweissbildung reduzieren. Es gibt zudem spezielle Produkte, die gezielt für Hände und Füsse entwickelt wurden. In Absprache mit einem Arzt sollten solche Deodorants idealerweise nachts aufgetragen werden, da die Wirkstoffe in dieser Zeit optimal einwirken können. Allerdings ist zu beachten, dass bei zu häufiger Anwendung Hautreizungen auftreten können.
Medikamente, die gegen Hyperhidrose eingesetzt werden, gehören zur Gruppe der Anticholinergika. Diese Wirkstoffe blockieren gezielt die Nerven, die für die Schweissproduktion verantwortlich sind, indem sie die Weiterleitung der Nervenreize unterbrechen. Dadurch greifen sie direkt in das autonome Nervensystem ein, das die Schweissregulation steuert.
Die Iontophorese ist eine bewährte Behandlungsmethode, die bei Hyperhidrose eingesetzt wird. Dabei werden die betroffenen Körperstellen, wie Hände und Füsse, mehrmals pro Woche in ein Wasserbad mit schwachem Gleichstrom eingetaucht. Der Gleichstrom macht die Schweissdrüsen weniger empfindlich und blockiert die Nervenfasern, die die Schweissproduktion anregen. Zu Beginn wird die Therapie meist unter Anleitung eines Arztes oder in einem Spital durchgeführt, um eine korrekte Anwendung sicherzustellen. Nach einer fachlichen Einführung können jedoch auch spezielle Geräte für die Anwendung zu Hause genutzt werden, was die Behandlung langfristig erleichtert. Bei einem Antrag durch einen Arzt resp. Dermatologen können die Kosten dafür von der Krankenkasse übernommen werden.
Gut zu wissen: Die Iontophorese funktioniert vor allem bei Händen und Füssen gut, für das Gesicht und die Achseln ist sie weniger gut geeignet.
Injektionen mit Botulinum-Toxin A, besser bekannt als Botox, sind eine effektive Methode zur Behandlung von Hyperhidrose. Sie wird vor allem an den Achseln eingesetzt. Das Nervengift blockiert vorübergehend die Signalübertragung zwischen den Nervenzellen und den Schweissdrüsen, wodurch die Schweissproduktion deutlich reduziert wird. «Die Wirkung von Botox hält in der Regel etwa 6 bis 9 Monate an, danach kann die Behandlung durch erneute Injektionen wiederholt werden.», sagt Dr. med. univ. (CZ) Milada Touzil.
Chirurgische Eingriffe stellen eine weitere Behandlungsmöglichkeit bei Hyperhidrose dar. Dabei werden bestimmte Nervenstränge, die für die Signalübertragung zwischen dem Gehirn und den Schweissdrüsen verantwortlich sind, blockiert oder teilweise vollständig entfernt. Obwohl das Gehirn weiterhin Signale zur Schweissproduktion aussendet, können diese aufgrund der unterbrochenen Nervenbahnen nicht mehr an die Schweissdrüsen weitergeleitet werden. Diese Methode wird meist bei schwerer Hyperhidrose angewendet, wenn andere Behandlungen nicht den gewünschten Erfolg bringen.
Gut zu wissen: Der Behandlungserfolg eines chirurgischen Eingriffs kann zwischen der rechten und linken Körperhälfte unterschiedlich ausfallen.
Nach der Operation tritt bei rund der Hälfte der Patienten an anderen Körperstellen leicht vermehrtes Schwitzen auf (kompensatorische Hyperhidrose). In den meisten Fällen wird dies jedoch nicht als besonders störend wahrgenommen.