Übergewicht und Adipositas bei Kindern sind ein verbreitetes Problem mit weitreichenden Folgen für die Gesundheit und Entwicklung. Doch ab wann spricht man bei Kindern von Übergewicht, und welche Möglichkeiten haben Eltern, um vorzubeugen und ihr Kind aktiv zu unterstützen?
Laut einer Studie der University of Melbourne könnte der Anteil von Kindern und Jugendlichen, die mit Übergewicht und Adipositas leben, bis 2050 weltweit stark ansteigen. So, dass rund ein Drittel – etwa 360 Millionen – betroffen sein könnten.
Im Jahr 2023 lebten in der Schweiz – gemessen am BMI – 11,9 % der Kinder im Alter zwischen 6 und 12 Jahren mit Übergewicht, und 2,7 % mit Adipositas. Im Vergleich zu 2002 zeigt sich ein leicht abnehmender Trend, doch die Zahlen zu Kindern mit Adipositas bleiben auf einem hohen Niveau.
Übergewicht und insbesondere Adipositas können mit einem erhöhten Risiko für verschiedene Erkrankungen einhergehen und die psychische Gesundheit sowie die Lebensqualität beeinträchtigen. Kinder, die mit Adipositas leben, haben zudem häufig auch im Erwachsenenalter Schwierigkeiten, ein gesundes Gewicht zu erreichen. Daher ist eine frühzeitige Prävention im Kindesalter besonders wichtig.
Babyspeck ist ein völlig normales Phänomen und gehört zur gesunden Entwicklung eines Babys. Meist bildet sich dieser zurück, sobald das Kind laufen lernt und vom Baby zum Kleinkind heranwächst. Jedes Kind entwickelt sich jedoch individuell. Die folgenden Richtlinien können bei der Einschätzung des Gewichts helfen:
Der Body-Mass-Index (BMI) ist auch bei Kindern ein häufig verwendetes Mass, um das Verhältnis von Körpergewicht zu Körpergrösse zu beurteilen. Im Gegensatz zu Erwachsenen, bei denen feste Schwellenwerte für Unter-, Normal- und Übergewicht gelten, wird der BMI bei Kindern alters- und geschlechtsspezifisch interpretiert. Dabei werden sogenannte Perzentile verwendet, die den BMI-Wert eines Kindes mit dem Durchschnitt seiner Altersgruppe vergleichen. Diese Anpassung ist notwendig, da Kinder sich in verschiedenen Entwicklungsstufen befinden und ihr Körperfettanteil je nach Alter und Geschlecht stark variieren kann.
Das Normalgewicht eines Kindes liegt im Bereich zwischen der 10. und 90. BMI-Perzentile. Liegt der BMI eines Kindes unter der 10. Perzentile, wird es als untergewichtig eingestuft. Ein BMI über der 90. Perzentile deutet auf Übergewicht hin, während Kinder mit einem BMI über der 97. Perzentile als adipös gelten.
Erklärung: Ein BMI über der 90. Perzentile bedeutet, dass das Kind einen höheren BMI hat als 90 % der Kinder gleichen Alters und Geschlechts.
| Übergewicht und Adipositas bei Kindern | 90. Perzentile (Übergewicht) | 97. Perzentile (Adipositas) |
|---|---|---|
| Mädchen | ||
| 5 Jahre | 17,4 | 18,6 |
| 10 Jahre | 19,9 | 22,1 |
| 15 Jahre | 24,7 | 27,6 |
| Knaben | ||
| 5 Jahre | 17,1 | 18,1 |
| 10 Jahre | 19,2 | 21,0 |
| 15 Jahre | 23,7 | 26,4 |
Quelle: BMI-for-age (5-19 years), WHO
Das Gleichgewicht zwischen Bewegung und Ernährung spielt eine zentrale Rolle, wenn es um Übergewicht und Adipositas geht. Allerdings ist dies nicht der einzige relevante Faktor. Es gibt eine Vielzahl weiterer Einflüsse, die das Risiko für Übergewicht und Adipositas bei Kindern erhöhen können:
Ein Arbeitspapier der Gesundheitsförderung Schweiz zeigt: Die Ausbildung der Eltern spielt eine entscheidende Rolle, wenn es um Übergewicht und Adipositas bei Kindern geht. Kinder von Eltern ohne nachobligatorische Ausbildung sind mehr als dreimal so häufig von Übergewicht oder Adipositas betroffen wie Kinder von Eltern mit einem tertiären Bildungsabschluss. Kinder von Eltern mit einem Abschluss auf der Sekundarstufe II liegen ungefähr in der Mitte zwischen diesen beiden Gruppen.
Aber auch die Familienkonstellation kann einen entscheidenden Einfluss haben. Übergewicht und Adipositas treten beispielsweise häufiger bei Kindern aus Scheidungsfamilien auf, was unter anderem auf Stresssituationen, ein geringeres Einkommen sowie weniger Zeit für eine ausgewogene Ernährung im Alltag alleinerziehender Eltern zurückzuführen sein kann.
Die Folgen von Übergewicht und Adipositas im Kindesalter können sich bis ins Erwachsenenalter fortsetzen. Personen, die bereits in jungen Jahren Übergewicht hatten, zeigen ein erhöhtes Risiko für Adipositas auch später im Erwachsenenalter. Dies erhöht wiederum die Wahrscheinlichkeit für gesundheitliche Probleme wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bluthochdruck, Diabetes Typ 2 und Gelenkprobleme.
Neben den körperlichen Auswirkungen können Übergewicht und Adipositas auch erhebliche psychische Belastungen mit sich bringen. Ein geringes Selbstwertgefühl, soziale Isolation und die Erfahrung von Mobbing oder Stigmatisierung sind häufige Probleme, die Betroffene erleben. Diese Faktoren können einen Teufelskreis auslösen.
Übergewicht betrifft immer mehr Kinder und kann sowohl körperliche als auch psychische Herausforderungen mit sich bringen. Durch frühzeitige Unterstützung und Förderung gesunder Lebensgewohnheiten – wie ausgewogener Ernährung, regelmässiger Bewegung und eines gesunden Umfelds – können langfristige Gesundheitsrisiken reduziert werden.
Gesunde Ernährung beginnt mit bewussten Entscheidungen: Frisch kochen statt Fertiggerichte, Wasser statt gesüsste Getränke. Gemeinsame Mahlzeiten ohne Medien fördern achtsames Essverhalten und stärken die Familienzeit. Essen sollte nicht als Trost oder Belohnung dienen. Durch das gemeinsame Planen und Zubereiten von Mahlzeiten entwickeln Kinder Freude am Kochen und ein Bewusstsein für gesunde Lebensmittel.
An der frischen Luft spielen statt fernzusehen, zu Fuss oder mit dem Fahrrad einkaufen gehen, statt das Auto zu nutzen – Eltern können eine entscheidende Rolle dabei spielen, Bewegung auf spielerische und gemeinschaftliche Weise in den Alltag ihrer Kinder zu integrieren. Dies fördert nicht nur die körperliche Fitness, sondern auch die Freude an einem aktiven Lebensstil.
In der Schweiz gelten gemäss Bundesamt für Sport (BASPO) folgende offizielle Bewegungsempfehlungen für Kinder:
Grundsätzlich gilt: Je mehr Bewegung, desto besser. Vielseitige Bewegungs- und Sportaktivitäten sind dabei besonders wichtig.
Studien zeigen, dass ein höherer Fernsehkonsum bei Kindern und Jugendlichen im Alter von 5 bis 17 Jahren mit schlechterer Fitness und einer ungünstigen Körperzusammensetzung verbunden ist. Eine Reduktion der inaktiven Zeit, wie etwa Fernsehen, kann zu einer Senkung des BMI beitragen.
Der Medienkonsum beeinflusst das Gewicht und die Gesundheit auf verschiedene Weise: Fernsehen ersetzt oft körperliche Aktivität, fördert Bewegungsmangel und wird häufig von ungesundem Snacken begleitet. Zudem erhöht Werbung für ungesunde Lebensmittel die Wahrscheinlichkeit, zu kalorienreichen Produkten zu greifen.
Tipps für die Reduktion der Bildschirmzeit:
Die Familie spielt eine zentrale Rolle bei der Prävention von Übergewicht und Adipositas bei Kindern, insbesondere durch die Bedeutung von Vorbildern. Kinder orientieren sich stark am Verhalten ihrer Eltern und übernehmen deren Ess- und Bewegungsgewohnheiten. Wenn Eltern selbst auf eine ausgewogene Ernährung, regelmässige Bewegung und einen gesunden Lebensstil achten, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder diese positiven Verhaltensweisen übernehmen.
Die Behandlung von Übergewicht oder Adipositas bei Kindern erfordert einen ganzheitlichen Ansatz, der individuell auf die Bedürfnisse des Kindes abgestimmt ist. Im Mittelpunkt stehen eine langfristige Umstellung der Ernährungsgewohnheiten, die Förderung von körperlicher Aktivität und die Unterstützung durch die Familie. Ergänzend können psychologische Begleitung und Beratung hilfreich sein, um Verhaltensmuster zu ändern und das Selbstwertgefühl zu stärken. In schweren Fällen kann eine interdisziplinäre Betreuung durch Ärzte, Ernährungsberater und Therapeuten notwendig sein, um gesundheitliche Risiken zu minimieren und nachhaltige Erfolge zu erzielen.
Die Eltern spielen eine zentrale Rolle bei der Prävention und Bewältigung von Übergewicht und Adipositas bei Kindern. Sie können ihr Kind aktiv unterstützen und motivieren, indem sie gemeinsam Fortschritte verfolgen und auch kleine Erfolge bewusst feiern.
Darüber hinaus können sie ihrem Kind Freude an Bewegung vermitteln und eine ausgewogene Ernährung fördern – etwa durch gemeinsame Aktivitäten sowie durch die Einbindung des Kindes in die Planung und Zubereitung von Mahlzeiten. Ebenso wichtig ist es, sich bei Bedarf Unterstützung zu holen und nicht aus Angst, beschuldigt zu werden, darauf zu verzichten.