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Gesünder leben?

Gesünder leben?

«Wir wollen zusammen alt werden, aber nicht um jeden Preis»

Sie beraten Paare und sind selbst ein Paar: Felizitas Ambauen und Amel Rizvanovic erklären, was es braucht, damit eine Beziehung langfristig hält, und warum es kein Versagen ist, wenn ein Paar sich doch trennt.

Felizitas Ambauen und Amel Rizvanovic, Sie sind seit über zehn ­Jahren ein Paar. Wann haben Sie sich das letzte Mal fast getrennt?

Info:

Felizitas Ambauen (41) ist Paar- und Psychotherapeutin und befasst sich intensiv mit der Schematherapie. Amel Rizvanovic (43) ist psychologischer Berater und Hochschuldozent und fokussiert auf positive Psychologie.

Gemeinsam und separat beraten die beiden Paare und Einzelpersonen und sprechen in ihrem Podcast «Du so. Ich so.» über Herausforderungen in Beziehungen. Privat sind sie seit mehr als zehn Jahren ein Paar und haben eine sechsjährige Tochter.

Ambauen: Ich glaube, das können wir sehr eindeutig beantworten.

Rizvanovic: Absolut! Noch nie. Aber am Anfang mussten wir wie alle Paare erst einmal unsere Dynamik verstehen.

Inwiefern?

Rizvanovic: Willst du?

Ambauen: Jetzt fühle ich mich ­gerade wie in einer Paartherapie. Das ist nämlich typisch, dass man den Ball zuerst dem Partner zuschiebt. Wir hatten anfangs eine Fernbeziehung. Dadurch war die Verliebtheit sehr lange sehr intensiv, gleichzeitig hat mir aber die Sicherheit gefehlt.

Wie war das bei Ihnen?

Rizvanovic: Wir alle brauchen in einer Beziehung einerseits Nähe und Sicherheit, andererseits aber auch Distanz und Autonomie. Welche Bedürfnisse bei wem wie stark sind, kann jedoch sehr variieren. Ich bin jemand, der eher viel Raum für sich benötigt, was anfangs oft zu Unstimmigkeiten führte.

Haben Sie ein Beispiel?

Ambauen: Ein Thema war der Kontakt. Wir haben zwar täglich gemailt, ich hätte aber gern auch jeden Tag ­telefoniert, während es Amel einmal in der Woche gereicht hat. Auf mich hat das gewirkt, als wäre ich ihm nicht wichtig. Er dagegen hat nur gehört: Jetzt ist sie wieder genervt.

Und wie haben Sie das gelöst?

Ambauen: Indem wir geredet haben. Da wurde uns klar, dass unsere Beziehungsmuster einfach unterschiedlich funktionieren. Amel war sehr sicher und autonom unterwegs, während bei mir alles sehr schnell zu wackeln anfing. Wir haben uns dann geeinigt, alle drei Tage zu telefonieren. Genau das machen wir übrigens mit Paaren, die zu uns kommen: Wir analysieren, welche Muster sie mitbringen, um dann mit ihnen einen Weg zu finden, der für beide stimmt.

Rizvanovic: An der Stelle ist jedoch wichtig zu sagen: Das ist nichts, was man einmal bestimmt, und dann gilt es für immer. Eine Beziehung ist wie ein Tanz, bei dem beide flexibel bleiben müssen und sich immer wieder neu ausbalancieren.

Heute wissen Sie, wie der andere tickt. Ist das der Schlüssel für eine lange, glückliche Beziehung?

Ambauen: Es hilft auf jeden Fall. Heute zum Beispiel, wenn Amel auf Geschäftsreise geht und abends zu müde ist zu telefonieren, dann hinterfrage ich nicht mehr unsere Be­ziehung, weil ich sein Muster kenne.

Rizvanovic: Akzeptanz ist da auch ein wichtiger Punkt. Also, dass man sich überlegt, wo kann und muss sich meine Partnerin oder mein Partner ändern, und wo muss ich akzeptieren, dass sie oder er einfach so ist.

Wie lernt man, die Muster des ­anderen zu verstehen?

Ambauen: Wie gesagt: Reden ist sicher wichtig. Es braucht aber oft auch Input von aussen. Denn viele unserer Muster stammen aus der Kindheit und sind heute so tief verankert, dass wir sie selbst nicht mehr erkennen. Dabei helfen können etwa Bücher, Gespräche mit Freunden oder Podcasts.

Und wann sollten Paare in Therapie?

Rizvanovic: Am besten, sobald sie merken, dass in ihrer Beziehung störende Verhaltensmuster entstehen. Denn je länger sie in diesen Strukturen weiterleben, desto mehr verhärten sie sich, und umso schwieriger wird es, da wieder rauszukommen.

Bleiben wir noch bei langjährigen Beziehungen. Wie wichtig ist Sex?

Ambauen: Ein wichtiger Grundsatz vorweg: Kein Sex heisst nicht automatisch, dass eine Beziehung schlecht ist. Es fehlt aber eine Ebene der Intimität, weshalb man prüfen sollte, woher das kommt.

Rizvanovic: Der Leidensdruck spielt da eine grosse Rolle. Wenn es für beide passt, dann ist es auch kein Problem. Wenn aber einer von beiden drunter leidet, dann muss man darüber reden.

Ist fehlender Sex ein häufiges Problem, mit dem Paare zu ­Ihnen kommen?

Ambauen: Dazu muss man ­sagen: Paare kommen meist nicht mit den Ursachen ihrer Probleme zu uns, sondern den Symptomen. Fehlender Sex ist tatsächlich ein häufiges Symptom, in Wahrheit fehlt aber zum Beispiel die Nähe oder man fühlt sich nicht mehr wertgeschätzt.

Rizvanovic: Kinder sind auch so ein Brandbeschleuniger. Sie bringen Probleme zutage, die ­eigentlich schon immer da waren. Wenn ein Paar etwa darüber streitet, wer wie viel arbeitet, dann geht es viel um Autonomie und die Frage, wie stark will ich mich selbst verwirklichen.

(Fortsetzung weiter unten…)

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Sie haben auch eine gemeinsame Tochter. Wie war das bei Ihnen?

Ambauen: Ich war vorab schon etwas besorgt, denn es ist wirklich so: Viele Paare kommen zu uns, nachdem sie ein Kind bekommen haben. Wir haben deshalb schon, bevor ich schwanger war, darüber geredet, wie wir unser Leben mit einem Kind ­gestalten wollen. Ich habe mich dann selbständig gemacht, und Amel ist zu mir nach Nidwalden gezogen.

In welchen weiteren Lebensphasen kommen Paare zu Ihnen?

Rizvanovic: Im Grunde sind es diese «Live-Events», also immer dann, wenn sich etwas Grösseres verändert – man kauft ein Haus, die Kinder ziehen aus oder man wird pensioniert.

Ambauen: Deshalb ist es wichtig, dass Paare sich trotz Kinder immer wieder Oasen schaffen, wo sie sich treffen und über ihre Bedürfnisse sprechen. Sonst ziehen die Kinder aus, und im schlimmsten Fall wissen sie gar nicht mehr, wer der andere überhaupt ist.

Wie findet man sich wieder, wenn man sich trotzdem mal aus den Augen verloren hat?

Ambauen: Das ist unterschiedlich, je nach Paar. Einigen empfehlen wir, wieder etwas wie ein erstes Date zu vereinbaren, um sich ­näherzukommen. Anderen, die viel Zeit zusammen verbringen und gelangweilt voneinander sind, raten wir genau das Gegenteil: Sie sollen zum Beispiel mal allein in die Ferien, so hat man sich wieder mehr zu erzählen.

Gibts Momente, in denen Sie sagen: Die sollten sich trennen?

Rizvanovic: Wir sehen natürlich sehr schnell, wenn eine Beziehung festgefahren ist. Es ist aber nicht unsere Aufgabe, Paaren zu sagen, was sie tun oder lassen ­sollen. Wir begleiten sie nur so weit, dass sie für sich bewusste Entscheidungen treffen können.

Ambauen: Es kann auch heissen, dass ein Paar sich entscheidet, 20 weitere Jahre in völlig ver­härteten Strukturen zu leben. Wir als Therapeuten müssen uns auch abgrenzen und ihre Entscheidung respektieren, denn letzten Endes ist es ihr Leben.

Beziehungskosmos – eine Anleitung zur Selbsterkenntnis

Aus dem beliebten, gleichnamigen Podcast von Paar- und Psychotherapeutin ­Felizitas Ambauen und Journalistin Sabine Meyer wurde ein Buch. Darin erklären sie, wie Prägungen der Kindheit sich auf unsere heutigen Beziehungen auswirken, und ­laden dazu ein, sich mit sich selbst und seinen Beziehungen aus­ein­an­der­zusetzen. «Beziehungs­kosmos – eine  Anleitung zur Selbsterkenntnis» ist ab 1. Juni für Fr. 28.30 auf exlibris.ch erhältlich.

Wenn sich ein Paar trotzdem trennt, haben Sie dann das ­Gefühl, versagt zu haben?

Rizvanovic: Zu glauben, ein Paar hat versagt, wenn es sich trennt, ist total veraltet. Früher war das vielleicht so, weil man finanziell abhängig war. Heute hat sich das aber zum Glück geändert.

Ambauen: Es ist nicht das Ziel einer Paartherapie, dass ein Paar zusammenbleibt. Oft kommt es sogar durch die Therapie zum Schluss, dass die Konflikte nicht überwunden werden können.

Haben Sie selbst noch Konflikte?

Ambauen: Auf jeden Fall. Im Moment zum Beispiel will ich eine Katze, Amel nicht. Da sind wir wieder bei unseren Mustern: Mir gibt eine Katze Nähe und das Gefühl eines Zuhauses, für Amel dagegen schränkt sie uns in un­serer Freiheit ein.

Rizvanovic: Wir sind auch nur Menschen und haben wie alle Paare unsere Konflikte. Das heisst aber nicht, dass wir uns deshalb trennen.

Wann würden Sie sich denn trennen?

Ambauen: Wir wollen zusammen alt werden, aber nicht um ­jeden Preis. In einer Beziehung sollte man immer auch sich selbst sein können. Wenn das nicht mehr möglich ist, wollen wir lieber getrennte Wege gehen.

Rizvanovic: Es nimmt auch etwas den Druck, wenn man sich bewusst ist, dass jede Beziehung scheitern kann, möge sie noch so stark sein.

von Deborah Bischof,

veröffentlicht am 25.05.2023, angepasst am 05.06.2023


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