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Gesünder leben?

Gesünder leben?

«Viele Paare haben keinen Sex – bestenfalls wenig»

Leben sich langjährige Paare zwangsläufig auseinander? Haben sie im Alter noch Sex? Wie einfach ist es, sich im Rentenalter nochmals neu zu verlieben? Psychologin und Sexologin Caroline Fux hat die Antworten.

Im Kinofilm «Die goldenen Jahre» gerät eine langjährige Beziehung nach der Pensionierung in Schwierigkeiten. Wie verbreitet ist das?

Für viele Paare ist dies in der Tat ein grosser Zäsurmoment – plötzlich kommt Bewegung in einen eingespielten Alltag. Bei jüngeren Paaren kann dies durch die Familiengründung, einen Jobwechsel oder einen Umzug passieren. Das alles sind Momente, in denen die Karten in der Beziehungsstruktur neu gemischt werden. Und das Blatt gefällt dann vielleicht nicht beiden gleich gut.

Kann man sich auf sowas vorbereiten?

Je nach dem, welche Beziehungskompetenzen vorhanden sind, lassen sich auch Zäsurmomente besser bewältigen. Können die beiden offen miteinander sprechen? Sagen, was sie belastet? Können sie kreativ sein? Gibt es Raum dafür, dass mal etwas nicht gut ist? In solchen Stresssituationen zeigt sich, wie ein Paar unterwegs ist – im Alltag werden Schwierigkeiten oft nicht wahrgenommen oder können leichter ignoriert werden. 

Raum, dass mal etwas nicht gut ist – wie geht das?

Indem man offen anspricht, dass man gerade Schwierigkeiten miteinander hat – und dies, ohne gleich die Beziehung als Ganzes in Frage zu stellen. Das fällt den meisten schwer. Langjährige Paare können es eher, weil sie schon viel gemeinsam erlebt haben. 

Ist die Fallhöhe bei der Pensionierung grösser, weil sie für viele eine Art Sehnsuchtsziel ist?

Das ist enorm individuell. Einige zählen bereits ab 40 die Jahre bis zur Pensionierung und sparen, um schon etwas früher gehen zu können; andere fürchten den Moment, weil sie sich stark über ihre Arbeit identifizieren. Hinzu kommt das Gefühl: So, das wars jetzt – und bald ist ganz vorbei. Auch die Auseinandersetzung mit diesen Themen variiert enorm. Ein Patentrezept gibt es nicht, jeder muss selbst seinen Weg finden. Und vergessen wir nicht: Für viele Paare ist die Pension auch einfach ein schöne, entspannte Zeit, ohne grössere Probleme.

Aber es gibt auch einige, die sich im Laufe der Jahre auseinanderleben. Wie lässt sich das verhindern?

Wir werden im Alter tendenziell komplizierter und eigener. Es ist nicht ungewöhnlich, dass sich langjährige Paare auseinander bewegen, denn Menschen entwickeln sich nun mal nicht automatisch parallel. Ziel muss also sein, Entwicklung zuzulassen, aber zu schauen, dass man dennoch immer wieder zusammenkommt, sich abgleicht, in die Beziehung investiert. Sonst kann die Distanz über die Jahre sehr gross werden. 

Wie macht man das?

Ich empfehle, sich einmal pro Woche zusammenzusetzen und sich auszutauschen: Was läuft gerade? Was brauchst du, was brauche ich? Was sind unsere Herausforderungen? Im Geschäftsleben ist das üblich, im Beziehungsleben für viele eine seltsame Vorstellung. Aber es funktioniert, man muss es allerdings fest einplanen und sich Zeit nehmen. Ich mache es selbst in meiner Beziehung und biete das für Paare auch in meiner Praxis in klar strukturierter Form an. So betreibt man aktive Beziehungspflege und hält den Kontakt trotz individueller Weiterentwicklung.

Und daran mangelt es oft?

Viele langjährige Paare hängen der Illusion an, einander gut zu kennen. Oft jedoch verpasst man die eine oder andere Entwicklung beim anderen, Vorlieben und Interessen ändern sich. Manchmal belügen wir uns auch, weil es bequemer ist, weil wir uns gewissen Dingen einfach nicht stellen möchten.

Zum Beispiel?

Wenig ist für Menschen so bedrohlich wie Veränderung. Und wenn ich nachfrage, hey, gehts dir noch gut in unserer Beziehung, gehe ich das Risiko ein, dass zur Antwort kommt: Nein, eigentlich nicht. Und was dann? Wegschauen und einfach weitermachen ist viel einfacher. Das jedoch wird schwieriger bei einem Ereignis, das vieles verändert, wie die Pension. Wobei es auch Paare gibt, die so völlig aneinander vorbei leben, dass sie auch damit klar kommen – und das sind nicht die unglücklichsten Beziehungen.

Aber ist es nicht besser, die Konsequenzen zu ziehen, wenn man sich auseinander gelebt hat, als ein unglückliches oder gelangweiltes Zusammenleben weiterzuführen? 

Eine ganz schwierige Frage, die sehr viele Paare und Einzelpersonen zu mir in eine Beratung führt. Patentrezepte existieren auch hier nicht. Die Frage ist doch, wie viele Menschen es gibt, die wir wirklich nahe an uns ranlassen wollen. Die meisten wollen ihr Leben teilen, dennoch gibt es nicht viele Menschen, mit denen sie sich eine Beziehung vorstellen können. Eine schöne Langzeitbeziehung ist ein bisschen wie ein Zuhause: Den wahren Wert merkt man erst, wenn man keins mehr hat. Und es gibt eben nicht nur zwei Optionen: Unglücklich in der Beziehung leben oder sie aufgeben. Man kann auch versuchen, die Beziehung zu verändern.

Sie plädieren also eher für einen Rettungsversuch?

Ich plädiere für gar nichts. Mein Ziel ist es, einen für meine Klientinnen guten Weg zu finden. Beziehungen auf einen Sockel zu stellen – sie also um jeden Preis retten zu wollen –, wäre genauso falsch, wie sofort aufzugeben. 

Gibt es viele, denen es gelingt, eine Beziehung zu reaktivieren?

Ja, das erlebe ich regelmässig. Aber auch eine Trennung in Anstand kann ein Erfolg sein. Oft existieren bezüglich Beziehungen seltsame Vorstellungen. Niemand würde erwarten, dass eine Berufskarriere automatisch passiert – allen ist klar, dass man dafür viel Arbeit investieren muss. Die Liebe hingegen soll einfach so funktionieren. Von keinem anderen Lebensbereich erwarten wir so viel wie von Beziehungen und Partnerschaft, sind aber nicht bereit, dafür entsprechend zu investieren.

Wie viel Schuld tragen Hollywood-Romanzen an dieser Vorstellung von Liebe?

Der romantische Film ist für die Paarbeziehung, was der Pornofilm für die Sexualität ist: Es kann relativ grossen Schaden anrichten, wenn man das Gefühl hat, dies zeige das echte Leben. Denn das tun beide nicht. Das Problem ist, dass wir nirgends lernen, wie das geht, eine Beziehung zu führen. 

Wie leicht oder schwer ist es, sich nach 65 nochmals neu zu verlieben? 

Ich habe immer wieder mit Menschen über 80 zu tun, die verliebt sind wie Teenager. Aber für viele ist es in höherem Alter nicht mehr so leicht, sich nochmals auf ein Zusammenleben mit jemand anderem einzustellen. Man weiss, was man will und was man nicht will – verlieben ist also leichter, als eine Wohnung zu teilen.

(Fortsetzung weiter unten…)

Aber die Chance, im Alter eine neue Beziehung zu finden, ist durchaus da?

Die ist besser als auch schon. Früher galt ja oft «bis dass der Tod euch scheidet», und die verbleibende Person musste dann allein bleiben. Früher galt auch: Alte Leute haben keinen Sex. Aber das war schon immer Unsinn. Es gibt heute auf jeden Fall mehr Möglichkeiten für neue Beziehungen, auch im Alter. 

Wie verbreitet ist es, dass Sexualität in langjährigen Partnerschaften einschläft?

Sexualität verändert sich bereits nach drei, vier Jahren Beziehung und auch schon in jungen Jahren. Aber eigentlich fängt es an mit der Vorstellung, dass in Paarbeziehungen Sexualität stattfindet: Viele Paare haben keinen Sex – bestenfalls wenig. Und auch hier gibt es diese fixe Idee, Sexualität passiere einfach so, doch das tut sie nicht. Es braucht Investitionen und ein anderes Bild von Sexualität. Viele verstehen darunter Welpen-Sex.

Welpen-Sex?

Die verliebte Sexualität aus den jugendlichen Anfangszeiten: Alles ist neu, niedlich und aufregend, die Körper sind jung und attraktiv, es passiert quasi von allein. Aber in einer stabilen Beziehung wird Sexualität irgendwann erwachsen. Wer nur den Welpen möchte, aber nicht den Hund, sollte eigentlich gar keinen anschaffen. Sprich: Wer nur diesen Verliebtheits-Sex aus den Anfängen haben will, der hat irgendwann ein Problem. Mit zunehmendem Alter kommen auch körperliche Schwierigkeiten hinzu – von Schmerzen über Krankheiten bis hin zu Erektionsproblemen beim Mann. Es ist für Frauen schwer vorstellbar, was das heisst, für jeden klassischen Geschlechtsverkehr eine Erektion liefern zu müssen. 

Und was, wenn das schwieriger wird?

Dann stellt sich heraus, ob diese Männer eine Sexualität entwickelt haben, die vielseitiger ist als eine, die sich nur um die Erektion dreht. Bei den meisten ist das nicht der Fall – vielleicht, weil sie es bisher nie mussten. Die sind oft völlig ratlos und mit schmerzlichen Auseinandersetzungen konfrontiert: Wer bin ich als männliches sexuelles Wesen jenseits meiner Erektion?

Aber haben wirklich die meisten Paare keinen Sex? 

Sagen wir es so: Davon auszugehen, dass ein Paar im Normalfall Sex hat, ist falsch. Es gibt wirklich viele, die sich von der Sexualität verabschieden, das sind die, für die sich die Sexualität nicht lohnt.

Sex muss sich lohnen?

Aber sicher, man muss etwas davon haben, ansonsten kann man es auch lassen. Geht man in ein Restaurant, wo der Service schlecht und das Essen langweilig ist? Nein. Würde man eine Person, die von einer solchen Erfahrung erzählt, umstimmen wollen, es doch trotzdem nochmals zu versuchen? Nein. 

Woher kommt denn die Idee, dass Paare sich auch nach langen Jahren noch immer gerne aufeinander stürzen?

Auch da trägt Hollywood eine Mitschuld. Es liegt an den Geschichten, die wir uns erzählen, an der Art und Weise, wie wir über Sex sprechen. Es ist ja auch gut, dass man Sex enttabuisieren und als etwas Positives darstellen will, denn das ist er auch. Sex kann schön, verbindend, geil, gesund sein, aber er ist es nicht automatisch. Manchmal ist Sex einfach nur okay oder schlicht schlecht. Sex wird glorifiziert wie ein cooler In-Klub: Alle wollen hin, alle stehen dafür an. Aber längst nicht für alles ist es dann so lässig. 

Schämt man sich mit zunehmenden Alter, dass der eigene Körper nicht mehr so knackig ist?

Das ist eher ein gesellschaftliches als ein individuelles Thema. Ich glaube, Sexualität im Alter ist ein Tabu, weil wir diesen Körpern keine Sexualität zugestehen möchten. Stellen wir uns Menschen vor, die Sex haben, sind die immer jung und haben makellose Körper. Als ob zum Beispiel Füllige keinen Sex hätten! Es gibt auch Leute, die erst im Alter Frieden mit ihrem Körper schliessen. In jedem Fall gibt es enorme Unterschiede und Diversität bei diesem Thema.

Angenommen man hat das Sexleben einschlafen lassen und getraut sich nicht mehr? Obwohl das Interesse wieder da wäre, weil man jemanden neu kennengelernt hat?

Nach einer langen Pause wieder jemanden kennenzulernen, ist ein Riesenabenteuer. Manche fühlen sich unzulänglich, andere stürzen sich freudig rein und merken, dass sie mehr Zeit brauchen. Wer eine reiche, flexible Sexualität hat, dem fällt das einfacher. Viele sind jedoch sexuell nicht sehr breit aufgestellt. Weil sie es nie gelernt haben, es nicht gebraucht haben, schwierige Biografien hatten. Sexualität ist kein Selbstläufer. 

Sex sollte also trainiert werden – ein weiteres Thema für die Schule?

Das sehen wir Fachleute natürlich so. Viele jedoch sind der Meinung: Über Sex redet man nicht, Sex hat man. Aber niemand muss Sex haben, und entscheidet eine Person, keine Sexualität zu leben, ist das ihr Recht. Natürlich ist das komplizierter in einer monogamen Beziehung, in welcher der andere oder die andere Sex haben möchte. Damit muss man sich dann als Paar auseinandersetzen. 

Was könnte eine Lösung sein?

Zu sagen: Ich möchte keinen Sex mehr, aber ich bin daran interessiert, dass das für dich lebbar ist. Was gibt es für Möglichkeiten?

Haben Sie häufig Paare in der Praxis mit unterschiedlichen Bedürfnissen? 

Es gibt schon Paare, die dieselben Bedürfnisse nach Sex haben, aber das ist fast immer zeitlich begrenzt. Weil sich Menschen verändern, das Leben sich verändert. Wer Stress im Job hat, hat vielleicht keine Lust. Oder besonders viel Lust. Manchmal ist man gleichzeitig auf einem Hoch, manchmal ist man gegensätzlich unterwegs. Manche achten bei der Partnersuche auf die Sexualität, andere nicht. Auch wenn man anfangs sexuell kompatibel ist, kann das nach zehn Jahren anders sein. Dass beide gleichzeitig gleich viel Lust haben, ist eher die Ausnahme. Die Kunst liegt darin, in einem Miteinander etwas zu schaffen, das für beide stimmt. 

Haben es Männer- oder Frauenpaare einfacher beim Sex?

Könnte man meinen, aber mir scheint nicht. Gleichgeschlechtliche Paare kommen mit denselben Themen zu mir – auch bei ihnen hat der eine mehr Lust als der andere, die eine öffnet sich anders als die andere.

Es gibt Alternativen zur Paar-Sexualität: Fremdgehen, Prostitution, Pornografie… 

… die Solo-Sexualität ist ein sehr spannendes Thema. Spreche ich unfreiwillige Singles auf Solo-Sex an, sagen alle: Das ist nicht dasselbe. Natürlich nicht. Die Frage ist: Hat man Interesse, etwas daraus zu machen? Die meisten haben in dem Bereich ein sehr mageres Portfolio und leisten sehr wenig sinnlichen Einsatz. Natürlich muss man nicht jedes Mal Rosenblätter für sich selbst streuen. Aber man könnte etwa beim Ort oder der Körperhaltung variieren. 

Hat das mit Hemmungen zu tun?

Meist geht es um Effizienz. Für viele ist Selbstbefriedigung sehr zweckorientiert, wie wenn man für sich allein kocht. Würde man sich da gleich reingeben wie bei einem heissen Date, würde es auch interessanter werden. 

Was raten Sie, um Sexualität auch in langen Beziehungen frisch zu halten?

Neugierig bleiben, offen sein, Interesse am anderen zeigen. Wir alle verändern uns. Einem Menschen, dem wir neugierig begegnen, sind wir auch positiv gesinnt – das ist für die Sexualität ebenso wertvoll wie für die Beziehung. 

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Zum Dossier

von Ralf Kaminski und Monica Müller Poffa,

veröffentlicht am 27.10.2022


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