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«Ich bin immer noch derselbe»

Kilian Chirici bekommt bereits im ersten Kindergarten die Diagnose ADHS. Dass er heute ein Vorpraktikum als Schreiner machen kann, grenzt an ein kleines Wunder.

Was ist ADHS?

ADHS (Kurzform für Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung) ist eine Hirnfunktionsstörung, die angeboren ist oder sich kurz nach der Geburt entwickelt. Menschen mit dieser Diagnose können Informationen im Gehirn nur schwer filtern und leiden dadurch an einer Art mengenmässiger Überlastung. Sie können sich oft nicht lange konzentrieren, haben ihre Impulse und ihre Wut nur schwer unter Kontrolle und leiden oft an einer inneren körperlichen Unruhe (Hyperaktivität). Laut Schätzungen leiden rund fünf Prozent der Bevölkerung unter ADHS.

Kilian Chirici steht in Arbeiterhosen und einem T-Shirt mit Firmenaufschrift hinter der Wohnungstür in Root LU. Er ist gerade von der Arbeit in der Schreinerei gekommen und hatte noch keine Zeit, sich umzuziehen. Dass der 20-Jährige arbeiten kann, ist in seinem Fall keine Selbstverständlichkeit, sondern das Ziel eines langen Weges: Er hat eine starke ADHS (siehe Box).

Schon früh wusste Daniela Chirici (42), dass mit ihrem Sohn etwas anders ist. «Er war ein Schreibaby und auch als Kleinkind nicht zu vergleichen mit den Kindern in meinem Umfeld», erinnert sie sich. Er hat einen grossen Bewegungsdrang, rennt immer herum, konnte seine Kraft und Energie nicht dosieren und machte sich unbeliebt mit seiner Impulsivität. Er fängt mit anderen Kindern Streit an, beisst und hat seine Wut nicht unter Kontrolle. Viele andere Mütter brechen den Kontakt zu Daniela Chirici und ihrem Sohn ab und machen der Mutter Vorwürfe: «Erzieh dein Kind besser!», «Setz Grenzen!» Für die junge Mutter eine unglaublich schwierige Zeit.

Im Kindergarten wird Kilian abgeklärt und die Diagnose steht schnell fest: Starke ADHS. «Damit hatte ich nicht gerechnet und wollte es erst auch nicht wahrhaben. Ich habe etwa drei Wochen gebraucht, um das zu akzeptieren», sagt die Mutter. Nachdem sie sich aber mit dem Thema befasst habe, sei es auch eine Erleichterung gewesen. «Ich konnte mich endlich mit Eltern von anderen Kindern mit ADHS austauschen.» Sie verstand ihren Sohn besser, konnte nachvollziehen, warum es bei ihm anders lief. Aber der Weg für die Familie wird dadurch nicht unbedingt einfacher. Rückblickend hat die Diagnose für Kilian selbst nichts geändert. «Ich bin immer noch derselbe Kilian. Ob ich jetzt ADHS habe oder nicht», sagt er heute.

Leicht zu provozieren

In der Schule kann sich der Junge trotz hoher Dosierung der ADHS-Medikamente nicht auf den Stoff konzentrieren, hat Streit mit den anderen Kindern, ist leicht reizbar und lässt sich immer wieder provozieren. «Ich hatte meine Wut überhaupt nicht unter Kontrolle, sah nur noch rot und habe alles um mich herum vergessen. Dann habe ich schnell zugeschlagen», sagt Kilian rückblickend. Ein Lehrerwechsel in der 3. Klasse bringt ihn zusätzlich durcheinander, mit Veränderungen kann er überhaupt nicht umgehen, in der Schule hinkt er immer weiter hinterher. «Es war sehr schwierig, das mit anzusehen», erinnert sich seine Mutter. Nach der Schule ist Kilian immer müde und niedergeschlagen, muss aber trotzdem mit seiner Mutter für die Schule üben und Hausaufgaben machen. Schliesslich wird er in eine Sonderschule umgeteilt und kurz danach wegen eines Wutanfalls aus der Schule geworfen. Für Mutter und Vater keine einfache Zeit. Sie stellt ihre Beziehung arg auf die Probe. Schliesslich trennen sie sich.

Diese Wutausbrüche bekommt auch sein kleinerer Bruder Silvan (14) mit. «Wir haben früher sehr viel gestritten. Ich wusste ganz genau, wie ich ihn provozieren kann und habe das manchmal auch extra gemacht», sagt Silvan und lächelt verschmitzt. Eine Nachbarin filmt Kilian während einer seiner Wutanfälle und zeigt ihm später das Video. «Es war sehr speziell, mich in einer solchen Situation einmal von aussen zu sehen und hat mir auch ein Stück weit die Augen geöffnet», sagt er heute. Daraufhin ging er zu einem Verhaltenstherapeuten und eignete sich neue Strategien an, um besser mit Provokationen umzugehen. «Er lernte langsam seine Wut frühzeitig wahrzunehmen und entwickelte eine innere Handbremse, um sie unter Kontrolle zu bringen», erklärt seine Mutter. Bis heute trifft er diesen Therapeuten regelmässig und gerne.

Trotz des vielen Streits haben die beiden Brüder immer viel gemeinsam gespielt und bis heute eine gute Beziehung. «Das ist sehr schön zu sehen, aber mit dieser Vergangenheit überhaupt nicht selbstverständlich», sagt Mutter Chirici. Silvan musste oft seine Bedürfnisse hinter die seines Bruders stellen und Verständnis zeigen. «Das war für mich auch oft schwierig. Da hat es geholfen, dass wir trotzdem immer wieder gemeinsam etwas unternommen haben und uns da gut verstanden haben», sagt Silvan und wirkt bei dieser Aussage viel älter als 14 Jahre.

Kilian wurde insgesamt drei Mal von der Schule verwiesen, weil es Konflikte gab.  Zwischendurch unterrichtete ihn eine Lehrerin zuhause. «In dieser Zeit habe ich Tag und Nacht nach einem neuen Platz gesucht», erinnert sich Daniela Chirici an diese anstrengende Zeit. Schliesslich hat sie eine Schule in Luzern und später eine Oberstufe in Thalwil ZH gefunden. Der Junge fuhr ab dem elften Lebensjahr allein mit dem Zug und Bus zum Unterricht und beendete so die obligatorische Schulzeit.

Keine Freunde

«Ich hatte schon immer Mühe, Freunde zu finden. Ich war immer der Aussenseiter», sagt Kilian heute betrübt. Das sei aber teilweise seine Schuld, er habe sich mit seinem Verhalten oft zur Zielscheibe gemacht. Erst im Lockdown habe er ein bisschen gelernt, soziale Kontakte aufzubauen. Er interessiert sich für Modellflugzeuge und grosse Maschinen und verbringt viel Zeit auf der Zuschauertribüne am Flughafen. «Da komme ich oft mit fremden Menschen ins Gespräch und kann mich über mein Hobby austauschen – und habe sogar schon Freunde gefunden.»

Ganz anders sieht das bei Silvan aus, der kleine Bruder hatte immer viele Freunde. «Immer hat es an der Türe geklingelt und jemand wollte mit Silvan draussen spielen», erinnert sich die Mutter. Aber den grösseren Bruder wollte niemand dabeihaben. «Das hat mir immer sehr wehgetan und ich war auch neidisch auf meinen kleinen Bruder», sagt Kilian. Trotzdem habe er sich für ihn gefreut. Heute versucht Silvan seinem Bruder bei den sozialen Kontakten zu helfen. Sie schauen etwa gemeinsam das Komiker-Duo «Divertimento» und Silvan hilft seinem Bruder so Ironie und Humor zu verstehen.

Im vergangenen Sommer konnte Kilian dann bei der «Stiftung Brändi» in Kriens LU ein Vorpraktikum in der Schreinerei beginnen und blüht dabei richtig auf. «Ich fertige kleine Holzteilchen, die danach zum Beispiel für das Brettspiel ‹Brändi Dog› verwendet werden», erzählt er stolz. Wenn alles gut läuft, kann er im Sommer in der Werkstatt eine Anlehre (EBA) beginnen. Die Familie hat hart darauf hingearbeitet und hofft, dass es so gut weitergeht. Das nächste Ziel ist irgendwann der Auszug von Kilian, aber der soll lange und gut geplant werden. Er freut sich bereits darauf.

Daniela Chirici hat über das Aufwachsen mit Kilian ein Buch geschrieben: Eine Kindheit mit ADHS, erhältlich bei exlibris.ch für 23.90 Franken.

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von Rahel Schmucki,

veröffentlicht am 20.04.2022


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