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Marlen Reusser: Ein Vorbild für Frauen

Marlen Reusser, Gewinnerin der Olympia-Silbermedaille in Tokio 2021, ist nicht nur eine begnadete Rennvelofahrerin. Sie ist auch Vegetarierin mit inspirierenden Ansichten zur Stellung der Frau im Sport.

Im vergangenen Jahr fand zum ersten Mal eine Tour de Suisse der Frauen statt. In diesem Jahr will die Tour de France nachziehen. Warum hat es bloss so lange gedauert bis zu diesen Premieren?

Hmm, auf diese Frage eine einfache Antwort zu finden, ist schwierig. Da muss man in die Struktur des Radsports schauen und sich beispielsweise fragen: Wer organisiert diese Rennen und wie sind die finanziert und organisiert?

Männer organisieren, finanzieren und rapportieren.

Ja, aber nicht nur das. Ein Grund ist auch, dass viel passieren muss, damit etwas nicht einfach bleibt, wie es ist. Beim Radsport der Männer gibt es eine grosse Fangemeinde und folglich kommerzielle Interessen. Da sind viele Bilder und Geschichten, an denen die Fans und somit auch die Medien und Sponsoren interessiert sind. Bei den Frauen ist das alles erst im Aufbau. Es ist wie bei jedem Business: Wo man ernten will, muss zuerst investiert werden.

Aber jetzt kommt der Frauenradsport allmählich in Fahrt.

Ja, es findet aktuell eine interessante Entwicklung statt. Was vielleicht auch dazu beiträgt: Alle etwas grössere Sportarten sind Teil unserer kapitalistischen Welt. Athleten tragen Markenbotschaften und gewisse Werte nach aussen, was einen beachtlichen Industriezweig von Gesundheit, Fitness und Lifestyle antreibt. In einer modernen Welt, in der sich die Werte von Frau und Mann in der Bevölkerung annähern, werden Athletinnen zunehmend auch zu solchen Botschafterinnen.

Die Frauen müssen aber auch wollen und ihren Platz beanspruchen.

Sicher. Teil unseres Funktionierens als Frau ist, dass wir vielleicht weniger wagemutig und draufgängerisch sind. Das kommt nicht von ungefähr. Wenn ich ein junger Mann bin und ich sehe all diese tollen Fahrer wie Mathieu Van der Poel oder Tadej Pogačar, dann möchte ich das auch. Die Sichtbarkeit von Vorbildern fehlt bei den Frauen, obwohl es einige sehr inspirierende Radsportlerinnen gibt. Und das führt dazu, dass weniger junge Frauen in diesen Sport gehen. Wer sich für diese Thematik interessiert, soll unbedingt «What Works» von Iris Bohnet lesen.

An welchen Vorbildern haben Sie sich orientiert?

Reine Radsportlerinnen waren mir in meiner Jugend keine bekannt. Mich haben Triathletinnen inspiriert, etwa die Britin Chrissie Wellington. Ich habe ihre Autobiografie als Teenager gelesen. Das Buch hat mich extrem bewegt, weil sie einfach so krasse Dinge gemacht hat. Auch die Schweizer Ironman-Weltmeisterin Daniela Ryf war für mich wichtig. Sie ist wirklich eine Künstlerin, wenn es darum geht, die eigenen Grenzen zu überwinden. Dies hat mich in jungen Jahren stark beeindruckt.

Aber warum das Velo? Sie hätten auch Marathonläuferin oder Schwimmerin werden können.

Ich habe einen angeborenen Defekt an meinen Fussgelenken. Das hat mir eigentlich keine andere Sportart erlaubt als das Velofahren. Dabei fand ich Velofahren zu Beginn nicht so toll: A, weil im Winter kalt. B, weil sich mein erstes Rennen wie Harakiri anfühlte. Im Rückblick bin ich froh, dass Velofahren meine einzige Option war, weil ich so erkennen konnte, wie schön dieser Sport ist.

Was ist denn so schön am Radsport?

Velofahren beinhaltet einfach alles. Je nachdem, wo, wie und mit wem man fährt, erlebt man so diverse, spezielle und schöne Momente. Es ist eine wunderschöne Art, sich entspannt den Kopf zu lüften oder sich im tiefen Schmerz der körperlich-mentalen Grenzen zu bewegen.

(Fortsetzung weiter unten…)

Was ist Ihr Tipp für Einsteigerinnen und Einsteiger?

Benutzt das Velo zum Pendeln! Es lüftet den Kopf. Man muss sich gar nicht gross anstrengen, kann sich ganz gemütlich etwas bewegen und an der frischen Luft sein – zu Hause kommt man so garantiert mit anderen Gedanken an. Und ein ganz wichtiger Hinweis: Pumpt eure Velos regelmässig. Es geht soooo viel leichter mit etwas mehr Luft im Pneu – und spart nicht beim Service, ein gut gewartetes Velo macht einfach mehr Spass.

Wie schafft man den Wechsel vom Alltagsvelo aufs Rennrad?

Viele Frauen haben Respekt vor dem Rennvelo, weil es so filigran ist und dann auch noch diese Klickpedalen hat. Aber liebe Frauen: Es lohnt manchmal, sich einer Herausforderung zu stellen. Wenn man das mal «erlickt» hat, sich so richtig mit dem Velo verbunden fühlt und durch die Gegend fliegt, dann «fägt» das unheimlich.

Sie sind promovierte Ärztin, Vegetarierin und machen eine Weiterbildung in Sporternährung. Darum haben Sie uns sicher auch ein paar Ernährungstipps.

Marlen Reusser

Marlen Reusser hat etwas geschafft, was viele nicht für möglich gehalten hätten: Velofahren als Hobby betreiben und vier Jahre später eine Olympia-Medaille gewinnen. Sie holte sich 2021 in Tokio Olympia-Silber im Zeitfahren. Im vergangenen Jahr krönte sie ihre Silbermedaille an der WM mit Gold an der EM. In ihrem früheren Leben war die gebürtige Emmentalerin eine talentierte Geigenspielerin, amtete als Präsidentin der Jungen Grünen im Kanton Bern und arbeitete als Ärztin. Trotz Spitzensport ist Reusser Vegetarierin und macht derzeit eine Weiterbildung in Sporternährung. Kurz: Die 30-jährige Rennradfahrerin hat alles andere als einen gewöhnlichen Werdegang.

Es braucht nach dem Training keine Protein-Shakes und auch kein Rindssteak. Eiweiss ist gut für die Regeneration, aber steckt auch in Kartoffeln, Getreide (Pasta) oder Hülsenfrüchten. Kombiniert man die Lebensmittel richtig, erreicht man sowohl eine hervorragende Wertigkeit des Proteins (Qualität) wie auch absolut ausreichende Mengen (Quantität). Rund 30 Gramm Eiweiss ist das, was der Körper aufs Mal braucht. Hier lohnt es sich, einmal zu googeln. Mit meinem Sponsor «Tibits» werde ich bald informative Videos zu dem Thema veröffentlichen.

Sie essen seit mehr als 20 Jahren kein Fleisch. Warum nicht?

Begonnen damit habe ich im Alter von ungefähr sieben Jahren, aus tierethischen Gründen.

Obwohl Sie auf einem Bauernhof aufgewachsen sind.

Wahrscheinlich nicht obwohl, sondern weil ich den Tieren nahe war und auch sah, wie sie gehalten und geschlachtet werden. Heute bestärken mich auch die grossen ökologischen Probleme, die der Fleischkonsum verursacht. Und Fleisch in den Mengen, wie es in der Schweiz gegessen wird, ist weder für uns, noch für die Umwelt gut.

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von Andrea Freiermuth,

veröffentlicht am 13.04.2022


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