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Selbstversuch Augenlasern: Meine neuen Adleraugen

12 Jahre trug unser Autor Brille und Kontaktlinsen – doch damit soll jetzt Schluss sein. Dafür lässt er seine Augen lasern. Wie es ihm dabei ergangen ist.

14. Januar

Wegen einer Guacamole möchte ich mir die Augen lasern lassen. Zwei Avocados, Salz, Pfeffer, Limettensaft und Chili gehören für mich da rein. Nach dem Chili-Schneiden sollte man sich die Hände gründlich waschen. Dass ich das vergessen habe, merkte ich, als ich mir nach dem Essen die Kontaktlinsen einsetzen wollte. Ich schrie, fluchte, schlug auf das Spülbecken – mein linkes Auge brannte. Nach drei Minuten konnte ich das Auge wieder öffnen und stand vor einem Dilemma. Entweder quäle ich mein linkes Auge ein zweites Mal, um die Kontaktlinse zu entfernen oder ich fasse mit meinen Chilifingern auch noch ins rechte. Ich entschied mich für Zweiteres, schrubbte meine Hände minutenlang mit Seife, setzte die rechte Kontaktlinse ein, fluchte, schrie und schlug auf das Waschbecken. Ich schwor mir: Das will ich nie mehr erleben.

25. Januar: Die Risiken

Ich spiele nicht erst seit dem Guacamole-Fiasko mit dem Gedanken, mir meine Augen lasern zu lassen. Kontaktlinsen trocknen bei mir schnell aus und jucken. Brillen verliere ich oder setze mich versehentlich drauf. Nun neigt sich mein Vorrat an Kontaktlinsen dem Ende entgegen. Ich beginne zu recherchieren. 1989 wurde in Berlin das erste menschliche Auge erfolgreich gelasert. Der Mann war nicht mehr kurzsichtig. In der Schweiz gab es seit 1999 sechs Patienten mit schwerwiegenden Komplikationen nach einer Laserbehandlung, was laut der Aufsichtsbehörde Swissmedic zu «erheblichem oder teilweisem Sehverlust» führte. Das Risiko zu erblinden, besteht also – wobei das dank dem technischen Fortschritt der letzten 20 Jahre praktisch ausgeschlossen werden kann.

1. Februar: Die Kosten

Sich die Augen lasern zu lassen, kostet in der Schweiz zwischen 3'000 und 5'000 Franken. Nicht viele Versicherungen beteiligen sich an den Kosten. Die Swica beispielsweise zahlt 2000 Franken an die Operation, Helsana 1500 – wenn man die entsprechende Zusatzversicherung hat. Im Ausland sind solche Behandlungen günstiger, etwa in der Türkei. Es gibt Anbieter, die für Hin- und Rückflug nach Istanbul, drei Übernachtungen sowie die Augen-OP rund 2'500 Franken verlangen. Wegen solcher Angebote sind auch in der Schweiz die Preise in den letzten Jahren gesunken. Augenarzt Theo Seiler hat deshalb 2012 sogar eine neue Augenklinik an der Bahnhofstrasse in Zürich gegründet. Das Ziel: Dank standardisierten Eingriffen günstiger sein. Hier buche ich eine kostenlose Voruntersuchung.

«Weisst du überhaupt, wie so eine Operation abläuft, wie das aussieht?», fragen mich Kollegen auf der Redaktion. Ich google nach Bildern. Weit aufgerissene Augen, Äderchen und Pinzetten – ich ekle mich.

(Fortsetzung weiter unten…)

8. Februar: Die Voruntersuchung

Für die Voruntersuchung muss ich meine Kontaktlinsen entfernen. Eine Mitarbeiterin bittet mich in ein abgedunkeltes Zimmer. Ich mache einen Sehtest. Dasselbe Resultat wie die letzten 12 Jahre: 1.5 Dioptrien, nach 70 Zentimeter wird es bei mir unscharf. Dann blicke ich in eine zweite Maschine. Ein blaues Lämpchen, Kommandos, wann ich die Augen öffnen soll, das Lämpchen dreht im Kreis. Nach zwei Minuten erfahre ich: An der dünnsten Stelle ist meine Hornhaut 516 Mikrometer breit, ideal. «Das Minimum, um bei uns Augen zu lasern, sind 480 Mikrometer. Bei 15 Prozent der Personen in der Voruntersuchung ist die Hornhaut zu dünn und wir müssen sie an unsere Mutterklinik verweisen. Wir behandeln nur einfache Fälle», erklärt die Mitarbeiterin. Sie fragt, ob ich die nächste, detailliertere und kostenpflichtige Untersuchung buchen möchte. Nun darf ich zwei Wochen lang keine Kontaktlinsen tragen, weil diese Abdrücke auf den Augen hinterlassen.

24. Februar: Die zweite Untersuchung

Bei der zweiten Untersuchung werden meine Augen analysiert, fotografiert und vermessen. Ich bekomme Tropfen, die meine Pupillen erweitern. Mit einer Pistole, aus der ein kleines, abgerundetes Ärmchen herausschiesst und gegen meine Augen schlägt, wird deren Druck gemessen. Nach 40 Minuten ist die Mitarbeiterin zufrieden. Es sieht alles gut aus. «Jetzt haben Sie die Wahl zwischen der Wohlfühl- und der Brutalovariante», sagt sie. Bei der Wohlfühlvariante, der sogenannten Femto-LASIK, wird ein 100 Mikrometer dickes Hornhautscheibchen mittels Laser teilweise abgetrennt und umgeklappt. Das dauert circa 30 Sekunden. Ein zweiter Laser korrigiert die Fehlsichtigkeit auf dem verbliebenen Hornhautbett. «Bei Ihrer Dioptrie dauert das etwa 5, bei stärkeren Korrekturen bis zu 30 Sekunden», sagt die Mitarbeiterin. Bei der Brutalovariante, der sogenannten Trans-PRK, wird nichts aufgeschnitten, sondern direkt auf die Hornhaut gelasert. «Auf dem Auge fühlt sich das nachher an, wie wenn Sie ohne Handschuhe ein Backofenblech angefasst hätten. Zur Erholung brauchen Sie danach eine Woche Urlaub.» Wer tut sich das freiwillig an? «Kampfsportler und Menschen mit dünner Hornhaut», sagt die Mitarbeiterin. Weil nichts geschnitten wird, kann sich auch kein Hornhautscheibchen lösen oder verschieben. Wer regelmässig Schläge an den Kopf und ans Auge bekommt, wählt darum die Brutalovariante. «Und bei der Wohlfühlvariante kann mir ein Teil des Auges rausfallen», frage ich. Wenn ich gleich nach der OP einen Schlag bekomme oder mir die Augen reibe, kann sich das Scheibchen verschieben. «Augen verheilen aber schnell. Wir empfehlen zur Sicherheit nach der Behandlung vier Wochen lang keine Ball- oder Kampfsportarten zu machen», sagt die Mitarbeiterin. Verbrannte Augen oder Auglappen, die sich verschieben können – mein Bauch zieht sich bei der Vorstellung zusammen. Ich entscheide mich für die Wohlfühlvariante. Ich will nicht leiden. Bis zum Termin darf ich wieder Kontaktlinsen tragen – zum letzten Mal. Ich bekomme Tröpfchen, die meine Pupillen wieder schrumpfen lassen.

3. März: Die OP

Wer kann sich die Augen lasern lassen?

Mit dem Laser können problemlos Dioptrien bis zu 7 korrigiert werden. Darüber wird es komplizierter, weil dann die Hornhaut nach der Operation zu dünn werden kann. Bei jemandem mit knapp 20 Jahren sind die Augen oft noch nicht ganz ausgewachsen, weshalb empfohlen wird zu warten, bis der Sehfehler über ein bis zwei Jahre stabil ist. Ansonsten spielt das Alter für das Augenlasern keine grosse Rolle. Heutzutage können alle Fehlsichtigkeiten (Hornhautverkrümmung, Kurz- und Weitsichtigkeit) korrigiert werden. Schwangere sollten sich ihre Augen nicht lasern lassen, weil die Hormone in dieser Zeit zu Gewebeveränderungen führen können und sich der Sehfehler verändern kann.

Zur OP nehme ich meine Mutter und eine Sonnenbrille mit. Die Brille, weil ich lichtempfindlich sein werde, meine Mutter, falls ich zu lichtempfindlich werde und meine Augen nicht mehr öffnen kann. Ich ziehe OP-Klamotten an, lege mich auf einen Tisch und erhalte Betäubungstropfen. Dann klebt der Arzt mein linkes Auge ab und spreizt mit einer Augenklammer das andere auf, was schmerzt. Ich kann nicht mehr blinzeln. Über meinem Kopf hängt nun der Laserkasten mit einem Aufsatz wie bei einem Fernglas, der auf mein Auge gedrückt wird. «Bitte schauen Sie das grüne Licht an», sagt der Arzt. Das Auge wird angesaugt, der Apparat beginnt zu piepsen, alles wird verschwommen. Die oberste Hornhautschicht ist nun aufgeklappt. Ich versuche, den Gedanken zu verdrängen. Dann drückt der Fernglasaufsatz noch stärker auf mein Auge. «Jetzt kann es wegen des Lasers gleich verbrannt riechen, das ist normal», sagt mein Arzt. Es riecht nach verbranntem Haar. Dann wird das Hornhautscheibchen wieder angelegt, glattgestrichen, ich bekomme eine Kontaktlinse mit Antibiotika eingesetzt und die Augenklammer wird entfernt. Nach einer Minute ist die Hälfte der OP vorbei. Nun folgt dasselbe mit dem linken Auge.

(Fortsetzung weiter unten…)

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3. März: Direkt nach der OP

Das Wartezimmer wirkt heller als zuvor. Meine Sicht ist etwas vernebelt. Eine Mitarbeiterin erklärt mir, dass ich auf keinen Fall meine Augen anfassen darf, weil das zu Entzündungen führen kann. «In zwei Stunden lässt die Betäubung nach. Dann beginnt Ihr Auge zu brennen und tränen, das ist normal.» Auf dem Heimweg sehe ich bereits besser als vor der OP. 

3. März: Zuhause

Im abgedunkelten Zimmer höre ich Musik und schreibe ein, zwei Nachrichten. Zu lange kann ich nicht aufs Handydisplay schauen, das Licht überfordert mich. Ansonsten fühlen sich meine Augen normal an. Drei Stunden nach der OP beginnen meine Augen zu brennen, zu jucken und zu tränen. Ich will mir ständig die Augen reiben, darf aber nicht. Wenn ich die Augen schliesse, fühlt es sich an, als würden sich meine Augenlider wie Ballons mit Wasser füllen. Öffne ich die Augen, strömen mir Bäche von Tränen über die Wangen. Ich schleiche durch die Wohnung wie ein Vampir, darauf bedacht, jede Lichtquelle zu meiden. Hätte ich den Eingriff doch lieber sein lassen sollen? Mein Handy vibriert. Ich brauche vier Anläufe, um zurückzuschreiben. Unterdessen ist es draussen dunkel, ich behalte die Sonnenbrille aber an. Meine Freundin kocht, ich kann nicht helfen, weil ich die Augen ständig zukneifen muss. Wir essen bei Kerzenschein und ich höre nicht auf zu weinen. Das traurigste Date aller Zeiten.

4. März: Der Morgen danach

Am nächsten Morgen geht es meinen Augen wieder gut. Ich mache mich auf den Weg zur Nachkontrolle, wo man mir die Antibiotikakontaktlinsen wieder entfernt. «Wenn man die Linsen wieder rausnimmt, kommt da nicht gleich das aufgeschnittene Auge mit?», fragt meine Mutter auf dem Weg. Zum Glück nicht. Der Arzt benützt ein medizinisches Wattestäbchen, das aussieht wie ein Gummischaber, um die Linsen herauszustreicheln. Danach mache ich einen Sehtest: Selbst mit Kontaktlinsen habe ich noch nie so gut gesehen. Das sollte so lange bleiben, bis zwischen 45 und 50 Jahren die Altersweitsichtigkeit einsetzt, sagt der Arzt. Dafür einen Abend lang zu leiden, hat sich gelohnt. 

von Dario Aeberli,

veröffentlicht am 30.03.2022


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