Übergewicht und Adipositas sind auch in der Schweiz ein relevantes Thema. Unsere schweizweit durchgeführte Studie zeigt jedoch, dass die Bevölkerung nur begrenzt darüber informiert ist und sich meist nicht aktiv mit dem Thema auseinandersetzt. Zudem ist Stigmatisierung alarmierend weitverbreitet.
Gemäss der Schweizerischen Gesundheitsbefragung 2022 des Bundesamts für Statistik leben 43 % der Schweizer Bevölkerung ab 15 Jahren mit Übergewicht (31 %) oder Adipositas (12 %). Doch wie gut ist die Schweizer Bevölkerung über diese Themen informiert? Und wie verbreitet ist Stigmatisierung aufgrund des Körpergewichts? Wir haben bei der Schweizer Bevölkerung nachgefragt.
85 % der Befragten haben den Begriff «Adipositas» schon einmal gehört oder gelesen. Frauen sind dabei etwas besser informiert als Männer (91 % vs. 82 %). Am seltensten kennen den Begriff junge Erwachsene zwischen 18 und 29 Jahren.
Doch was wissen die Menschen über die Bedeutung von Adipositas? Nur etwa die Hälfte derjenigen, die den Begriff kennen, geben an zu wissen, ab welchem Body-Mass-Index (BMI) Adipositas beginnt. Tatsächlich richtig einordnen kann dies dann aber wiederum nur die Hälfte dieser Gruppe – also etwas weniger als 23 % aller Befragten. Bei Betroffenen liegt dieser Wert zwar etwas höher, doch auch hier zeigt sich eine Wissenslücke. Dies ist jedoch wenig erstaunlich, betrachtet man das Informationsverhalten der Bevölkerung zu diesem Thema.
Fast ein Viertel der Schweizer Bevölkerung zeigt derzeit kein aktives Interesse am Thema Adipositas und selbst unter den Betroffenen liegt dieser Wert bei 20 %. Nur etwa ein Drittel aller Befragten gibt an, sich aktiv mit dem Thema auseinanderzusetzen. Knapp die Hälfte hingegen schaut sich Informationen dazu lediglich an, wenn sie zufällig darauf stösst. Dies zeigt eine Gelegenheit, das Interesse und Bewusstsein für die lebenswichtigen Aspekte von Adipositas stärker zu fördern.
Bei dem Teil der breiten Bevölkerung, der sich aktiv mit den Themen Gewichtsmanagement, Übergewicht und Adipositas auseinandersetzt, ist die meistgenutzte Informationsquelle mit 35 % das Internet, während nur 7 % auf KI wie ChatGPT zurückgreifen. Menschen mit Adipositas setzen stärker auf medizinische Fachpersonen, insbesondere Hausärzte, Ernährungsberater und Fachärzte. Soziale Medien sind vor allem bei der jüngsten Altersgruppe (18–29 Jahre) beliebt, während Zeitschriften und Magazine überwiegend von der älteren Generation (60–79 Jahre) genutzt werden.
Wie gross ist das Vertrauen in die verschiedenen Informationsquellen? Am höchsten ist das Vertrauen in Fachärzte, Ärzte und Ernährungsberater. Fachliteratur und Bücher gelten als vertrauenswürdiger als Zeitschriften und Magazine. Soziale Medien stehen mit nur 9 % Vertrauen am Ende der Liste. Künstlicher Intelligenz gegenüber sind die Befragten ebenfalls kritisch eingestellt, doch mit 18 % liegt das Vertrauen bereits deutlich höher als bei sozialen Medien.
Vertrauen vs. Nutzung
Auffallend: 83 % aller Befragten geben an, dass sie Fachärzte vertrauenswürdig finden. Nur 9 % nutzen aber diese Informationsquelle. Beim Internet ist es andersherum: Nur 26 % der Befragten geben an, dieser Informationsquelle zu vertrauen, genutzt wird sie jedoch von 35 %.
Stigmatisierung ist in der Schweiz weitverbreitet. 76 % aller Befragten geben an, dass sie selbst schon einmal erlebt oder zumindest davon gehört haben, wie jemand aufgrund seines Körpergewichts benachteiligt oder abwertend behandelt wurde.
39 % der Personen, die entweder selbst mit Übergewicht (BMI über 25) oder Adipositas (BMI über 30) leben oder jemanden in ihrer Familie haben, der davon betroffen ist, berichten, dass sie oder ihre Familie aufgrund ihres Körpergewichts benachteiligt oder abgewertet wurden. Bei Menschen, die ausschliesslich mit Adipositas (BMI über 30) leben, liegt dieser Wert sogar bei 45 %. Auffällig ist, dass jüngere Menschen offenbar stärker für das Thema sensibilisiert sind und Stigmatisierung häufiger wahrnehmen.
Über die Hälfte der Personen, die Stigmatisierung erfahren haben, berichten, dass diese unter anderem in der Öffentlichkeit stattgefunden hat. Im beruflichen Umfeld haben mehr als 43 % ähnliche Erfahrungen gemacht. Zudem geben 29 % der Befragten mit Adipositas an, im Gesundheitswesen benachteiligt oder abwertend behandelt worden zu sein – deutlich mehr als in der Gesamtbevölkerung, wo der Wert nur bei 16 % liegt. Im Freundeskreis (33 %) und in der Familie (18 %) kommt Stigmatisierung zwar weniger häufig vor als in der Öffentlichkeit oder im beruflichen Umfeld, aber auch dort wurden schon einige Befragte aufgrund ihres Körpergewichts benachteiligt oder abwertend behandelt.
Die Frage ist nun: Wie gehen Betroffene mit Stigmatisierung um? Hat sie einen Einfluss auf ihr Selbstvertrauen oder die Bereitschaft, Unterstützung anzunehmen? 40 % der Befragten beantworten diese Frage mit Ja. 39 % meinen, dass die Stigmatisierung ihr Selbstvertrauen nicht beeinträchtigt, 21 % sind nicht sicher oder wollen die Frage nicht beantworten. Besonders häufig betroffen sind 18- bis 29-Jährige. Unter ihnen ist der Anteil, der sich häufig von Stigmatisierung beeinflussen lässt, mit Abstand am höchsten.
Die gute Nachricht: Für die Mehrheit der Befragten, die mit Übergewicht oder Adipositas leben, sind negative Gefühle im Zusammenhang mit ihrem Körper oder ihrer Gesundheit nicht belastend. Trotzdem verbindet aber rund jede fünfte Person negative Emotionen mit dem eigenen Körper:
(Anteil der Personen, die zugestimmt haben, dass das genannte Gefühl im Zusammenhang mit ihrem Körper für sie belastend ist.)
Auch hier zeigt sich wieder: Die jüngste Subgruppe (18–29 Jahre) leidet emotional am stärksten. Besonders Stress im Zusammenhang mit dem Körper und der Gesundheit ist für sie belastend. 51 % dieser Altersgruppe empfinden dieses Gefühl als belastend.
Doch was würde allen Betroffenen helfen, besser mit diesen psychischen Belastungen umzugehen? Jede dritte Person gibt hier an, dies nicht beurteilen zu können. Ansonsten zeigt sich das Bild, dass Fachpersonen relevanter sind als der Austausch mit Gleichgesinnten. Coachings und Therapien werden deutlich häufiger als mögliche Massnahme genannt als Selbsthilfegruppen und anonyme Onlineangebote.
Die Befragung zeigt: Stigmatisierung ist weitverbreitet und löst bei Betroffenen negative Folgen aus. Doch wie lässt sich diese Benachteiligung oder abwertende Behandlung aufgrund des Körpergewichts verringern? Die Befragten sehen klare Ansätze:
Menschen mit Adipositas würden im Vergleich zur Gesamtbevölkerung stärker auf Schulungen für Gesundheitsfachpersonen setzen – ein Bereich, in dem sie häufiger Stigmatisierung erfahren haben.
Die Ergebnisse der Studie zeigen deutlich, dass Adipositas in der Schweizer Bevölkerung noch immer ein stark stigmatisiertes Thema ist, während gleichzeitig Wissenslücken und mangelndes Interesse bestehen. Deshalb ist es an der Zeit, das Bewusstsein für Adipositas in der Gesellschaft zu stärken und Vorurteile abzubauen. Jeder Einzelne kann dazu beitragen, Stigmatisierung zu vermeiden, sei es durch respektvollen Umgang, den Verzicht auf abwertende Kommentare oder die Bereitschaft, sich über die komplexen Hintergründe von Adipositas zu informieren.
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