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Long Covid betrifft vor allem Frauen

Chronische Müdigkeit, Niedergeschlagenheit, Schlafstörungen: Manche Menschen leiden langfristig an Post-Covid-Symptomen. Das Centre Leenaards de la Mémoire am CHUV in Lausanne bietet diesen Personen eine spezielle Beratung an. Interview mit dem Direktor, Prof. Gilles Allali.

Warum haben Sie eine neue Beratungsstelle eröffnet?

Wir wurden schnell von Kolleginnen und Kollegen gebeten, ihre Patientinnen und Patienten mit neuropsychiatrischen Störungen im Rahmen von Long Covid zu beurteilen. Seit diesem April mussten wir uns also schrittweise organisieren, und heute ist das medizinische Team mit Ärztinnen und Ärzten aus den Bereichen Neurologie, Psychiatrie und Neuropsychologie gewachsen. Die Zahl der Patientinnen und Patienten stieg kontinuierlich erheblich an, wobei jede Woche 20 bis 30 Personen Long-Covid-Symptome aufweisen.

Was sind die Hauptsymptome?

Es handelt sich um Konzentrationsstörungen, das Gefühl, im Nebel zu stehen, Gedächtnisprobleme, Angstzustände, Niedergeschlagenheit sowie Schlafstörungen. Manche Menschen berichten von Symptomen einer posttraumatischen Belastungsstörung. Ich würde sagen, dass der gemeinsame Nenner all dieser Personen die chronische Müdigkeit ist.

Aber wie kann man sicher sein, dass es eine Verbindung zum Covid gibt?

Das ist die Schwierigkeit. Da Long Covid keine spezifische oder biologische Signatur hat, sind alle diese Symptome unspezifisch. Auch andere Krankheiten, die alle postviralen Symptome nachahmen könnten, können sich so äussern. Deshalb müssen wir zunächst eine Chronologie erstellen, um klassische sekundäre Ursachen für Müdigkeit wie Schilddrüsenprobleme, Anämie oder Vitaminmangel ausschliessen zu können. Wenn wir bestimmte kognitive Probleme vermuten, die auf eine andere neurologische Erkrankung hindeuten können, führen wir eine Kernspintomografie des Gehirns durch. Ziel ist es, eine Diagnose zu stellen und danach eine Behandlungsstrategie zu entwickeln.

Wie sieht das Profil dieser Patientinnen und Patienten aus?

Es gibt einige Männer, aber es sind überwiegend Frauen zwischen 30 und 50 Jahren, die vor ihrer Infektion recht aktiv waren, heute jedoch nicht mehr in der Lage sind, wieder voll zu arbeiten. Warum? Wir können es nur vermuten. Frauen in dieser Altersgruppe reagierten recht gut auf die akute Phase des Virus, sie hatten eine äusserst kompetente Immunantwort und machten in den meisten Fällen keine schwere Covid-Erkrankung durch. Sie leiden heute unter den Konsequenzen, da ihr Immunsystem weiterhin reagiert und sie dadurch ermüdet. Eine andere Hypothese ist, dass ein Virusreservoir im Körper verbleibt, insbesondere im Bereich des Verdauungstrakts. Aber das sind alles nur Vermutungen, wir können noch nichts beweisen.

(Fortsetzung weiter unten…)

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Welches sind die vorgeschlagenen Behandlungsmethoden?

Die Symptome können medikamentös oder nicht-pharmakologisch behandelt werden. Das Problem ist, dass wir die Ursache von Long Covid nicht kennen. Wir wissen, dass es eine Folge einer Infektion mit dem SARS-CoV-2-Virus ist, aber wir wissen nicht, ob es sich um ein anhaltendes immunologisches oder entzündliches Phänomen handelt. Es gibt also keine Behandlung, die die Ursache angeht. Es ist auch wichtig, die Patientinnen und Patienten gut zu betreuen, da sie oft verzweifelt sind und auf Scharlatane hereinfallen, die ihnen sehr teure Medikamente anbieten, deren Wirksamkeit nicht bewiesen ist.  

Drei Jahre nach dem Ausbruch der Pandemie bleibt das Virus also weiterhin ein Geheimnis...

Wir müssen diesem Virus gegenüber sehr demütig sein. Wir haben viele Annahmen getroffen, die sich dann als falsch erwiesen haben. Und wir haben viel von den Patientinnen und Patienten gelernt, die uns immer einen Schritt voraus waren. Aber wir haben zu Beginn viele Fehler in Bezug auf Long Covid gemacht. Erinnern Sie sich: Im Frühjahr 2020 waren die Krankenhäuser mit Akutkranken überfüllt, und als die ersten Personen mit Long Covid auftauchten, schickte man sie nach Hause. Erst nach und nach erkannte man, dass diese Personen echte Probleme hatten, nicht mehr funktionierten und man sich um sie kümmern musste. Es ist ein Problem der öffentlichen Gesundheit, da 20 bis 30% der Menschen, die infiziert wurden, von Long Covid betroffen sind...

Was wissen wir heute über diese Krankheit?

Dass sie dazu neigt, sich spontan zu verbessern. Dass man nicht zu schnell vorgehen, sondern eine schrittweise Rehabilitation anstreben sollte – und vor allem sollten die Menschen nicht gleich zu Beginn wieder voll arbeiten gehen. Da diese Patientinnen und Patienten oft auch körperlich müde sind, muss die Wiederaufnahme der Arbeitstätigkeit moderat sein. Ziel ist es, die Dauer der Symptome zu verkürzen.

(Fortsetzung weiter unten…)

Und was ist immer noch nicht klar?

Die Ursache. Wenn wir sie kennen würden, könnten wir eine Behandlung durchführen, die auf die Ursache abgestimmt ist. Wenn die immunologische Hypothese richtig wäre, könnten Immunmodulatoren oder Immunsuppressiva eingesetzt werden. Aber es gibt heute keine ausreichend starken Gründe dafür, Patientinnen und Patienten ausserhalb von klinischen Studien dieser Art von Molekülen auszusetzen.  

Gibt es nicht auch eine allgemeine Kurzatmigkeit in der Gesellschaft, als ob sie am Ende ihrer Kräfte wäre?

Ja, Long Covid ist multifaktoriell bedingt. Wir alle haben schon einmal eine ungewöhnliche Situation erlebt. Man hat die Länder abgekapselt, indem man schreckliche Bilder von Intensivstationen im Fernsehen in der Endlosschleife gezeigt hat. Dieser Stress, dem man die Bevölkerung ausgesetzt hat, wird Auswirkungen haben. Die Folgen davon sehen wir heute. Long Covid ist nicht nur auf ein Phänomen des Umweltstresses zurückzuführen – vielmehr ist dieser zweifellos an den von den Patientinnen und Patienten berichteten Symptomen beteiligt.

Kann Long Covid zu einer chronischen Krankheit werden?

Mehr Informationen:

Grundsätzlich nicht. Die Menschen erholen sich. Man sollte es nicht dramatisieren. In den Köpfen der Patientinnen und Patienten dürfen sich keine falschen Vorstellungen festsetzen. Ich sage ihnen immer, dass sie sich erholen werden. Was ich aber nicht beantworten kann, ist die Frage, wann das der Fall sein wird.

von Patricia Brambilla,

veröffentlicht am 04.01.2023


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