Weil der Körper Melatonin selbst herstellt, halten es viele für ein harmloses, natürliches Schlafmittel. Trotzdem kann die zusätzliche Einnahme unerwünschte Folgen haben.
Melatonin ist ein körpereigenes Hormon, das aus dem Neurotransmitter Serotonin gebildet wird. Dies geschieht vor allem in der Zirbeldrüse, einer ovalen Drüse im Zwischenhirn, die kaum grösser als eine Erbse ist. «Melatonin reguliert unter anderem den Schlaf-Wach-Rhythmus», erklärt die eidg. dipl. Apothekerin Sandy Fröse von der Medbase-Apotheke Allschwil. «Es wird bei Dunkelheit vermehrt ausgeschüttet und signalisiert dem Körper, dass Schlafenszeit ist.»
Die Ausschüttung von Melatonin gibt dem Körper das Signal zur Nachtruhe. Es sorgt dafür, dass der Körper herunterfährt. In der Folge wird der Energieverbrauch gedrosselt. Blutdruck und Körpertemperatur sinken, die Atmung wird langsamer. Wir fühlen uns müde.
Neben dem Einfluss auf den Schlaf-Wach-Rhythmus nimmt das Hormon diverse andere Funktionen wahr, darunter:
Es scheint eine naheliegende Idee, sich das natürliche Schlafhormon künstlich zuzuführen – besonders im Alter, wenn der Körper immer weniger davon produziert. Melatonin-Präparate dienen der kurzfristigen Unterstützung bei Jetlag, Schichtarbeit oder anderen Einschlafproblemen. Sie verkürzen die Einschlafzeit in der Regel um 10 bis 20 Minuten. Retard-Tabletten, welche den Wirkstoff langsam freisetzen, können auch bei Durchschlafproblemen helfen. Sie imitieren den natürlichen Verlauf des Hormonspiegels, der zwischen 1 und 3 Uhr morgens am höchsten ist.
Die übliche Dosierung beträgt 1 bis 2 Milligramm pro Tag, allerhöchstens 5 Milligramm. «Das Medikament sollte nach dem Nachtessen, ein bis zwei Stunden vor dem Schlafengehen eingenommen werden», sagt Apothekerin Sandy Fröse. Die optimale Dosierung sei individuell und sollte in Absprache mit einem Arzt oder einer Ärztin herausgefunden werden. Bis eine Wirkung eintrete, könne es ein bis zwei Wochen dauern, stellt Fröse klar. «Es ist deshalb wichtig, das Medikament täglich einzunehmen, jedoch nicht länger als drei Monate am Stück.»
Weil Melatonin ein natürliches, körpereigenes Hormon ist, glauben viele, es handle sich dabei um ein harmloses, sanftes Schlafmittel. Dies ist aber nicht die ganze Wahrheit. Melatonin-Präparate machen zwar nicht abhängig wie einige andere Schlafmittel, können aber ebenfalls Nebenwirkungen haben. Zudem kann es zu Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten kommen.
Besondere Vorsicht ist geboten bei:
Bei der Einnahme von Melatonin können folgende Nebenwirkungen auftreten, vor allem bei zu hoher Dosierung:
Melatonin macht nicht körperlich abhängig: Die Dosis muss nicht gesteigert werden und beim Absetzen kommt es nicht zu Entzugserscheinungen. «Allerdings kann eine psychische Abhängigkeit entstehen, wenn man glaubt, ohne diese Hilfe nicht mehr einschlafen zu können», erklärt Sandy Fröse. Gegen eine Einnahme über mehr als 13 Wochen hinweg würden auch fehlende Studien sprechen. «Ein hochwirksames Hormon über längere Zeit künstlich zuzuführen, ist generell nicht ratsam.» Es könnte auch sein, dass der Körper verlernt, den Stoff selbst herzustellen.
Die Wechselwirkungen zwischen der Zirbeldrüse und der Schilddrüse sind komplex und nicht abschliessend erforscht. Studien deuten darauf hin, dass Melatonin vor oxidativen Schäden in der Schilddrüse schützen kann. Eine weitere Studie hat ergeben, dass Frauen mit Hashimoto-Thyreoditis (eine Autoimmunerkrankung mit Schilddrüsenunterfunktion) eine fast 50 Prozent tiefere Melatonin-Konzentration im Blut aufwiesen als eine gesunde Kontrollgruppe. Ob diese Befunde für eine Einnahme eines Melatonin-Präparats bei Schilddrüsenerkrankungen sprechen, ist jedoch umstritten.
Ja. In der Schweiz kann man Melatonin-Präparate nur mit ärztlicher Verordnung kaufen. Das Einführen aus dem Ausland ist nur für Eigengebrauch, etwa im Rahmen eines Monatsbedarfs, erlaubt. In Kanada und den USA dagegen gelten Melatonin-Präparate als Nahrungsergänzungsmittel und sind rezeptfrei erhältlich. In EU-Ländern sind nur Präparate mit niedriger Dosierung rezeptfrei. Deren Nutzen ist jedoch umstritten. Die Präparate werden in Form von Tabletten, Tropfen, Sprays, Pflaster oder Gummibärchen angeboten. Für Retard-Medikamente, welche den Wirkstoff langsam freisetzen, ist auch in der EU eine Verordnung nötig. Von Bestellungen im Internet rät Apothekerin Sandy Fröse entschieden ab: «Oft ist unklar, ob diese Mittel überhaupt Melatonin enthalten, und falls ja, in welcher Dosierung»
Melatonin wird vor allem in der Dunkelheit ausgeschüttet. Dies kann man unterstützen, indem man vor dem zu Bett gehen helles Licht möglichst meidet: Lampen dimmen, Aktivitäten an Bildschirmen mindestens eine halbe Stunde vorher beenden, Lesen am Reader im Nachtmodus. Alkohol, Nikotin und Koffein behindern die Produktion von Melatonin.
Auch einige Nahrungsmittel enthalten Melatonin oder fördern die natürliche Bildung, darunter:
Wichtig ist jedoch: «Diese Lebensmittel sollte man nicht zusätzlich essen, sondern in eine ausgewogene Abendmahlzeit integrieren», rät Sandy Fröse. Ob der Melatoningehalt bei normalen Portionen genügend hoch ist, um einen Einfluss auf den Schlaf zu haben, sei jedoch unsicher.
Melatonin gibt dem Körper das Signal zur Nachtruhe. Es sorgt dafür, dass der Körper herunterfährt und wir müde werden. Der Körper drosselt den Energieverbrauch, senkt Blutdruck und Körpertemperatur und die Atmung wird langsamer.
Obwohl Melatonin auch natürlicherweise im Körper vorkommt, ist die künstliche Zufuhr nicht immer harmlos. Es handelt sich um ein hochwirksames Hormon, das in höherer Dosierung auch Nebenwirkungen und Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten haben kann. Melatonin sollte deshalb nur zeitlich beschränkt und mit ärztlicher Verordnung eingenommen werden.
Wenn man Melatonin zur Unterstützung des Schlafes einnimmt, ist es sogar wichtig, es regelmässig anzuwenden. Dies jedoch höchstens 3 Monate und in Absprache mit einem Arzt oder einer Ärztin.
Nein. Der Grossteil des im Handel erhältlichen Melatonins wird heute im Labor künstlich hergestellt. Es ist identisch mit dem natürlichen Hormon. Es kann aber auch aus Pflanzen gewonnen werden – zum Beispiel aus Algen, Luzernen oder Johanniskraut. Dieser Prozess ist deutlich aufwendiger, weshalb pflanzliches Melatonin teurer ist.
Die Einnahme von Melatonin kann bei Endometriose eine gute zusätzliche Therapie darstellen. Wie eine neuere Studie nahelegt, verbessert das Hormon bei betroffenen Frauen den Schlaf und reduziert das Schmerzempfinden im Beckenbereich. Von einer Selbstmedikation wird aber auch hier abgeraten.