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Junge Menschen leiden besonders unter der Corona-Krise

Die Corona-Krise belastet die jungen Menschen psychisch stark. Warum das so ist und wo Eltern, Kinder und Jugendliche Hilfe finden.

Jede dritte Person zwischen 14 und 24 Jahren zeigt laut der aktuellen Corona-Stress-Studie der Universität Basel depressive Symptome. Das Beratungsangebot  mit der  Nummer 147 von Pro Juventute wird täglich von sieben Jugendlichen kontaktiert, die Suizidgedanken äussern. Kinder- und Jugendpsychiatriekliniken sind mit Notfällen ausgelastet und müssen weniger selbstgefährdete junge Menschen an andere Beratungsstellen verweisen. Zwei Fachleute zu den Gründen und warum es wichtig ist, dass Beratungsangebote ausgebaut werden.

Was Kinder und Jugendliche sagen

«Ich fühle mich einsam – Ich habe Angst, dass sich mein Freundeskreis auflöst – Wir streiten uns oft zu Hause – Ich schaffe vermutlich den Schulabschluss nicht, weil ich zu Hause nicht gut lernen kann – Mir fehlt der Sportclub – Ich habe Angst, meine Grosseltern anzustecken – Ich kenne meine Mitstudierenden nach einem Jahr Fernstudium noch gar nicht. Eine WG kann ich mir nicht leisten, weil es kaum Nebenjobs gibt. Toller Einstieg ins Erwachsenenleben.» Viele ratsuchende Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene können ihre Ängste konkret benennen. Dazu kommen allgemeines Unwohlsein im Alltag, eine innere Leere, Schlappheit, Unzufriedenheit, Zukunftsängste und manche stellen sogar den Sinn ihres Lebens in Frage.

Viel mehr Hilfesuchende als vor der Pandemie

Die Beratungsstelle 147.ch von Pro Juventute, der Stiftung für Kinder und Jugendliche, hat im ersten Jahr der Pandemie eine Zunahme von Hilfesuchenden um einen Drittel registriert. Mit Beginn der zweiten Pandemiewelle stiegen diese Anfragen noch einmal stark an; die Beratungen zum Thema Suizid nahmen gar um 40 Prozent zu. Jeden Tag stehen die professionellen Beraterinnen und Berater laut Mediensprecherin Lulzana Musliu mit rund 700 bis 800 Kindern und Jugendlichen telefonisch, per Chat oder Kurznachricht in Kontakt. Sie hören ihnen zu, suchen mit ihnen gemeinsam nach Lösungen, versuchen «die eigenen Kraftquellen der Anrufenden zu aktivieren» und geben ihnen nach Bedarf Kontaktadressen zu weiterführenden Beratungsangeboten. Rund hundert Mal mussten die Beraterinnen und Berater im Jahr 2021 die Polizei oder Sanität zu einer jugendlichen Person schicken, die eine konkrete Suizidabsicht äusserte.

Wie verschiedene aktuelle Studien und Umfragen zeigen, sind Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene über alle Altersgruppen betrachtet von den Folgen der Corona-Krise psychisch am meisten belastet.

Stress in der Familie

«Jüngere Kinder reagieren stark auf Verunsicherungen in ihrem nächsten Umfeld», erklärt Alain Di Gallo, Direktor der Universitären Psychiatrischen Klinik für Kinder und Jugendliche in Basel und Mitglied der Covid-Taskforce des Bundes. «Kinder reagieren auf Stress in der Familie, sei es, weil Home Office für Mami und Papi eine organisatorische und vielleicht auch räumliche Herausforderung darstellt oder weil die Betreuung der Kinder zu Hause schwierig zu organisieren ist, wenn die Eltern in systemrelevanten Berufen arbeiten.» Auch wenn sich die Eltern um die Grosseltern sorgen, kann es zu Stress kommen. Beengte Wohnverhältnisse, finanzielle Sorgen und andere Faktoren können ebenfalls zu einer Eskalation in der Familie führen.

Angst, den wichtigsten Lebensabschnitt zu verpassen

Die Hauptsorge der Jugendlichen ist die Furcht vor dem Vereinsamen.  «Die wenigsten haben schon gelernt, mit Krisen umzugehen, ihre Freundschaften sind noch nicht stabil», erklärt Di Gallo. Sie fürchten, wichtige Erfahrungen in der Adoleszenz, diesem schwierigen Übergang von der Kindheit ins Erwachsenensein, zu verpassen. In dieser Zeit sind die Jugendlichen auf der Suche nach ihrer Identität – wer bin ich, was macht mich aus, was unterscheidet mich von den anderen. Entwicklungspsychologisch ist die Pubertät eine besonders sensible und prägende Lebensphase. Erst recht, wenn Pandemiemassnahmen wie Schulschliessungen, Distanz halten und Masken tragen wichtige Entwicklungsaufgaben erschweren. Das Knüpfen neuer Freundschaften, das abtastende Eingehen einer Liebesbeziehung oder die Ablösung von den Eltern seien enorm wichtig. «In der Phase der Pubertät orientieren sich die Jugendlichen an Gleichaltrigen. Doch die Pandemie wirft sie auf die Kernfamilie zurück, von der sie sich eigentlich abnabeln wollen», ergänzt Musliu.

(Fortsetzung weiter unten…)

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Sorge um die berufliche Zukunft

Weiter sorgen sich die jungen Erwachsenen um ihre Ausbildung und beruflichen Chancen. Sie fürchten auch dort, etwas zu verpassen oder verpasst zu haben. Fernunterricht liegt nicht allen. In den Beratungsgesprächen von 147.ch kämen oft Fragen zu Überforderung und Stress in der Schule oder Lehre. «Wir haben eine Leistungsgesellschaft, die sich schon bei der jungen Generation manifestiert. Wer die Leistung nicht bringt, ist schnell mit einem Gefühl von Versagen konfrontiert», sagt Musliu. Während den Schulschliessungen habe sich die Schere zwischen den starken und schwachen Schülerinnen und Schülern noch mehr aufgetan, vor allem auch zwischen jenen, welche zu Hause Unterstützung erfahren haben und jenen in beengten, sozial benachteiligten Verhältnissen.

Zwei Jahre sind gefühlt ein halbes Leben

Die Pandemie dauert nun schon bald zwei Jahre. «Für Kinder und Jugendliche ist das gefühlt ein halbes Leben», betont Di Gallo. «Was sie im Alter von 15 Jahren verpasst haben, können sie nicht einfach mit 17 Jahren nachholen. Da stehen sie bereits an einem ganz anderen Ort im Leben.» Die lange Dauer der Pandemie, ohne greifbares Ende in naher Zukunft, sei denn auch das Problem: «Zukunftsängste und die Trauer, etwas verpasst zu haben, gehen weiter. Die Selbstzweifel nehmen zu. Das kann bei Kindern und Jugendlichen, die nicht so widerstandsfähig sind, zu Verhaltensstörungen führen und sie in psychische Krisen stürzen.»

Gesundheitliche Folgen

Jüngere Kinder entwickeln bei seelischen Krisen oft ein auffälliges Verhalten: Sie werden aggressiv, unruhig oder nässen wieder ins Bett. Ältere Kinder und Jugendliche leiden meist unter psychosomatischen Beschwerden wie wiederkehrenden Bauchschmerzen und Kopfweh. Es kann zu konstanter Müdigkeit, Angst- oder Essstörungen, Selbstverletzungen, oder Ohnmachtsgefühlen kommen. «Im Moment machen uns die Depressionen bei Jugendlichen am meisten Sorgen», sagt Di Gallo. An seinem Arbeitsort in der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Klinik in Basel führte die rasante Zunahme an jungen Klientinnen und Klienten im Herbst 2020 zu einer Warteliste, die sich in kurzer Zeit von sechs Wochen auf fünf Monate ausdehnte. «Die Notfälle können wir immer aufnehmen. Aber bei weniger dringlichen Fällen müssen wir in Zusammenarbeit mit den Eltern die Situation sorgfältig beurteilen und eventuell an andere Stellen verweisen, die in diesem Bereich arbeiten», bedauert Di Gallo.

Rechtzeitige individuelle Hilfe

«Wenn man zu lange mit der Behandlung wartet, kann das langfristige, negative Folgen für die psychische Gesundheit der betroffenen Kinder und Jugendlichen haben.» Wer seine Lebensaufgaben nicht mehr wahrnehmen kann, nicht mehr zur Schule oder in die Lehre geht, verpasst den Anschluss, betont Di Gallo. Wer sich zu Hause in die virtuelle Welt am Computer flüchtet, weicht dem Problem aus. Ist man in einem Computerspiel endlich mal der Held, verliert die analoge Welt ihren Reiz. «Wenn man psychische Probleme oder zwanghaftes Verhalten nicht rechtzeitig therapiert, wird sich das im Erwachsenenalter manifestieren», warnt Musliu von der Pro Juventute. Die oder der Betroffene könnte arbeitsunfähig werden und allenfalls kein eigenständiges Leben führen. Sie vergleicht eine rechtzeitige psychische Behandlung mit der Behandlung von körperlichen Beschwerden: «Wird ein gebrochenes Bein in der Jugend nicht behandelt, humpelt die Person ein Leben lang.»

Die Krise belastet nicht alle gleich

Di Gallo und Musliu stellen aber auch klar, dass die meisten Kinder und Jugendlichen, die vor der Pandemie psychisch stabil waren, mit der belastenden Situation umgehen können. Zu Beginn hätten auch einige die Auszeit von der Schule genossen. Wer aber vorher schon Mühe hatte, sich in der Klasse oder einer Vereins- oder Freundesgruppe zurechtzufinden, den hätten die Schulschliessungen, Veranstaltungsverbote und Gruppenkontakteinschränkungen psychisch stark belastet. Ein Wiedereinstieg in den Alltag sei dieser Gruppe umso schwerer gefallen.

Solidarität mit der jungen Generation

Hier gibt es Hilfe

Wie können Eltern ihren Kindern helfen?

Zuversicht ausstrahlen: Wie sich Eltern durch die Krise bewegen, hat einen grossen Einfluss auf ihre Kinder. 

Aufmerksam sein: Wenn der Sohn oder die Tochter in ihrem altersentsprechenden Alltag beeinträchtigt ist und sich zurückzieht – nicht mehr in die Schule will, über wiederkehrendes Kopf- oder Bauchweh klagt, nicht mehr spielen möchte, sich nicht mehr mit Freunden trifft, nicht mehr in den Verein will, die Tagesstruktur nicht mehr aufrecht erhält und die Nacht zum Tag macht – dies ansprechen.

Mit Ich-Botschaften ansprechen: Ich sehe, dass es dir nicht gut geht, dass du dich verändert hast. Ich mache mir Sorgen.

Beratungsangebot 147.ch empfehlen.

Professionelle Hilfe aufsuchen: Entweder über die Kinderärztin, den Schulsozialarbeiter, eine Psychologin oder eine Beratungsstelle. Aber nicht gegen den Willen der Kinder, ausser es besteht eine konkrete Gefährdung. 

Hilfe für Kinder und Jugendliche

Telefon 147, www.147.ch: Anonymes, kostenloses, rund-um-die-Uhr-Beratungsangebot von Pro Juventute (für Kinder und Jugendliche)

www.dureschnufe.ch: Plattform für psychische Gesundheit rund um das Coronavirus.

Wie kann dem jungen Menschen geholfen werden? «Die Schulen offen lassen, ein normales, soziales Leben aufrecht erhalten und Belastungsfaktoren reduzieren», proklamiert Di Gallo. Bei letzterem habe die Politik ja schon richtig reagiert, indem sie Kurzarbeitsentschädigungen und Unterstützungskredite gesprochen habe. «Ein entspanntes Familienumfeld ist vor allem für jüngere Kinder wichtig.» Aber es brauche auch kind- und jugendgerechte Pandemie-Massnahmen. Für die gesunde Entwicklung von Kindern und Jugendlichen sei es zentral, dass sie Kontakte mit Gleichaltrigen pflegen dürften sowie Freizeit-, Sport- und Kulturangebote nutzen könnten.

«Und man muss die junge Generation endlich mal öffentlich und gebührend loben», betont Di Gallo. Sie hätten einen Riesenbeitrag geleistet und sich mit den Risikogruppen solidarisiert. «Sie halten sich mit ganz wenigen Ausnahmen seit fast zwei Jahren an all die Corona-Massnahmen. Das nimmt man als selbstverständlich hin. Aber es ist wichtig, das anzuerkennen!»

Beratungsangebote ausbauen

Auf nationaler Ebene fordert Pro Juventute** zusammen mit Verantwortlichen für Kinder- und Jugendpolitik eine rasche Stärkung der niederschwelligen Erstberatungsstellen, mehr Ressourcen für die nachgelagerten Programme und Angebote, wie etwa den schulärztlichen Dienst, die Schulsozialarbeit und die Kinder- und Jugendpsychiatrie, sowie mehr Ressourcen für die Prävention im Bereich der psychischen Gesundheit.

von Regina Speiser,

veröffentlicht am 24.01.2022


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