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Gesünder leben?

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ADHS als Modediagnose?

Obwohl der Ritalinverkauf ansteigt, ist ADHS keine Modediagnose, sagt die Expertin. Der Grund: Auch Mädchen und Erwachsene leiden darunter. Sie waren lange nicht auf dem Radar. Was sind die Folgen? Susanne Walitza, Direktorin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie an der Psychiatrischen Universitätsklinik in Zürich, gibt Auskunft.

Jeder, der irgendwie zappelig ist, hat heute ADHS. Ist es eine Modediagnose?

ADHS ist keine Modediagnose, im Prinzip kannte man ADHS schon zu Zeiten des Buches «Struwwelpeter», 1844 geschrieben vom Psychiater Heinrich Hoffmann. Als ich vor 30 Jahren Medizin und Psychologie studierte, ging man davon aus, dass ADHS vor allem bei Buben auftritt und sich in der Regel in der Pubertät auswächst. Das ist unterdessen überholt.

Der Anstieg des Verkaufes von Ritalin in den letzten Jahren deutet aber darauf hin, dass die Diagnose ADHS auch in der Schweiz vermehrt auftritt …

Es kam tatsächlich zu einem Anstieg der Verordnung von Ritalin und anderen Medikamenten, die für ADHS empfohlen werden. Der Anstieg in der Schweiz kam aber vor allem zustande, weil man im Gegensatz zu früher jetzt auch Erwachsene behandelt. Zusätzlich ist auch die Sensibilität für ADHS sehr gestiegen. Das ist eigentlich gut, aber man darf nicht denken, dass die Diagnose einfach aus dem Ärmel geschüttelt werden kann. Sie ist komplex und aufwendig.

Wie und seit wann wird ADHS auch bei Erwachsenen diagnostiziert?

Seit rund 15 Jahren weiss man, dass ADHS bei mehr als 50 Prozent der Betroffenen über die Pubertät hinaus bestehen bleibt. Häufig wird bei Erwachsenen, die als Kind keine Diagnose erhielten, ADHS auch im Erwachsenenalter nicht erkannt und behandelt. Die Diagnosestellung ist sehr ähnlich wie bei Kindern. Sie ist insofern aber schwierig, als die Symptome meist vor dem 12. Lebensjahr aufgetreten sind. Betroffene erinnern sich nicht mehr genau an diese Zeit. Oft können sie ihre damaligen Lehrpersonen oder auch Eltern nicht mehr dazu befragen. Die Symptome gestalten sich etwas anders, daher werden altersspezifisch passende Interviews und Fragebögen genutzt.

Was bedeutet das für Erwachsene, deren Diagnose lange unerkannt geblieben ist?

Betroffene fühlen sich häufiger unverstanden. Auf der einen Seite sprühen sie vor Energie, sind neugierig und in Bereichen, die ihnen liegen, sehr erfolgreich. Aber oft mussten sie auch jahrzehntelang Rückschläge erleben. Sie haben in der Regel eine schwierige Schulzeit hinter sich und Dinge, die sie hätten erreichen können, gar nicht oder mit viel mehr Mühe und Stolpersteinen bewältigt. Oft haben sie Beziehungsprobleme erlebt, vielleicht früher als geplant Kinder bekommen oder auch viele Unfälle erlitten.

Auch bei Mädchen und jungen Frauen wurde ADHS lange nicht erkannt. Warum?

Das Bild des «typischen ADHS-Betroffenen» war der Bub, der nicht still sitzen, nicht warten kann oder sich vordrängelt. In der Schule und zuhause stört er und nervt. Buben sind meist hyperaktiv und impulsiv. Im Struwwelpeter reisst Zappelphilipp das Tischtuch vom Tisch, wippt auf dem Stuhl oder reagiert impulsiv auf den Zeigefinger des Vaters. Anders die Mädchen: Paulinchen ist das einzige Mädchen im Buch. Es spielt mit dem Feuerzeug, achtet auf keine Mahnung von aussen, lebt verträumt und unkonzentriert in ihrer Welt und zündelt fröhlich mit dem Feuerzeug, bis sie sich dabei selbst anbrennt. Mädchen stören primär sich selbst und fallen in der Schule nicht auf. Deshalb sind die auffälligen Buben anders als die Mädchen häufig bereits als Kind für eine Abklärung beim Arzt.

Hat das etwas damit zu tun, wie ADHS diagnostiziert wird?

Ja. AHDS umfasst alle drei Kernsymptome: reduzierte Aufmerksamkeit, Hyperaktivität und erhöhte Impulsivität, bei ADS ist nur die Aufmerksamkeit beeinträchtigt. Im alten Diagnosekatalog (ICD-10) war der vorwiegend unaufmerksame Typus, das «Träumerle», unzureichend repräsentiert. Die Kategorien waren so streng, dass immer die Symptome der Impulsivität und Hyperaktivität auftreten mussten. Diese hat man bei Mädchen und Frauen eben viel seltener, weshalb die Diagnosesysteme allein schon dazu geführt haben, dass man die Störung bei Mädchen und Frauen weniger stellen konnte. Das ist mit den neuen Diagnosesystemen (ICD-11) zum Glück besser. Aber die Interviews und Fragen, die man oft stellt, sind immer noch eher typisch für das Verhalten von Knaben. Die Diagnose ADHS oder ADS wird bei Mädchen im Durchschnitt um Jahre später gestellt als bei Jungen: Bei Buben mit etwa acht und bei Mädchen mit zirka 17 Jahren. Im Erwachsenenalter ist das Geschlechterverhältnis dann fast ausgeglichen.

Kann man sagen, dass Mädchen und Frauen untertherapiert werden?

Ja, im Moment kann man noch oder müssen wir leider davon ausgehen. Da im Erwachsenenalter die Häufigkeit am Ende doch gleich ist, geht es in der Zukunft darum, bei Mädchen ADHS früher zu erkennen.

Wie äussert sich ADHS bei Mädchen?

ADHS

Die Häufigkeit von ADHS ist gemäss Studien im Kindes- und Jugendalter seit mehr als 30 Jahren relativ stabil und liegt bei 5 Prozent in der Allgemeinbevölkerung. Eine Abklärung ist angebracht, wenn bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen folgende Symptome auftreten: Beeinträchtigungen der Aufmerksamkeit und Konzentration oder erhöhte Unruhe oder Impulsivität. Aber auch bei Entwicklungs-, Lern-/Leistungs- oder Verhaltensproblemen. Erste Ansprechpersonen findet man in den Schulen sowie bei den Kinderärztinnen und Hausärztinnen und Hausärzten. Für die abschliessende Diagnosestellung sollte jedoch eine ADHS-Fachperson einbezogen werden. Vor allem, um auch andere psychische Störungen auszuschliessen.

Wenn sie stören, dann vor allem etwa durch ständiges Reden im Unterricht mit den Sitz-Nachbarinnen. Viel Reden ist sicher eines der Symptome. Dann aber vor allem auch die starke Ablenkbarkeit, alles Mögliche ist wichtiger als der Lernstoff. Alles muss noch gesagt und gemacht werden. Die vermehrten Konzentrationsstörungen und eher innere statt äusserer Unruhe führen auch zu anderen Begleitsymptomen: Mädchen leiden häufig zusätzlich an Ängsten und Depressionen, Burn-out – wenn das Kompensieren nicht mehr ausreicht und sie schlichtweg erschöpft sind. Häufig machen Mädchen auch alles mit sich selbst ab, ohne Unterstützung von aussen einzufordern. Mädchen mit ADHS oder ADS sind aber auch diejenigen, die viel Positives für das Klassenklima beitragen können, indem sie Arbeitsgruppen leiten, neue Ideen reinbringen, Initiativen starten und mit ihrer Energie andere anstecken.

(Fortsetzung weiter unten…)

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Was sind die Ursachen von ADHS?

Die Erblichkeit beträgt bei ADHS bis zu 80 Prozent. Damit ist die Erblichkeit von ADHS deutlich höher als bei einer Angststörung oder Depression. Aber es vererbt sich nicht immer der gleiche Typ und die gleiche Art von ADHS. Ein Familienmitglied kann eher hyperaktiv sein, ein anderes kann eher Probleme mit der Konzentration haben. Im Gehirn sieht man bei jungen Betroffenen oft Reifungsdefizite, die sich auswachsen. Man weiss aber auch, dass in einigen Gehirnregionen Unterschiede zum Durchschnitt auftreten. So gibt es etwa im Gehirn bei Patienten mit ADHS oft mehr oder aktivere Dopamintransporter, die dann mit Ritalin und Co. in ihrer Aktivität normalisiert werden können. ADHS hat nichts mit Intelligenz oder Willen zu tun.

Was sind mögliche Begleiterscheinungen im Verhalten?

Viele Familien berichten, dass das Aufstehen schon sehr schwierig sei und die Kinder und später Jugendlichen nicht von zuhause pünktlich loskommen, so setzt sich dann der Alltag bis in den Abend fort und am Ende sind alle nur noch erschöpft. Bei beiden Geschlechtern steigt die Gefahr des Konsums von Medikamenten, Alkohol, Drogen oder anderen Substanzen. Das beginnt etwa als Selbstmedikation und endet im schlechten Fall in einer Suchterkrankung. Seit rund fünf bis sieben Jahren wissen wir auch, dass ADHS einen pathologischen Medien- und Internetkonsum begünstigt. Ein zu hoher Medienkonsum kann sich negativ auf die Konzentrationsfähigkeit auswirken.

Wie therapiert man ADHS?

Das hängt vom Schweregrad ab. Im Kindes- und Jugendalter sagt man, dass bei leichter ADHS vor allem die Kinder und Jugendlichen sowie die Eltern beraten werden und verhaltenstherapeutische Strategien Vorrang haben. Das sind etwa Verhaltenspläne, die positives Verhalten verstärken oder dass man in der Schule die Möglichkeiten für Ablenkung reduziert. Spätestens bei einer schweren Ausprägung wird dann zusätzlich eine Medikation empfohlen. Bei Erwachsenen wird dies in der Regel auch bei leichter und mittelschwerer Symptomatik empfohlen.

Wie erfolgreich sind welche Therapien?

Die Medikation mit Ritalin und anderen Stimulanzien ist sehr wirksam. Verhaltenstherapie und Beratung sind deutlich weniger wirksam, was die Kernsymptome von ADHS betrifft, sie sind aber als Begleitung sehr hilfreich. Daher sollte Medikation immer nur zusammen mit individuell angepassten verhaltenstherapeutischen Elementen eingesetzt werden.

Was sind die positiven Besonderheiten im Verhalten von ADHS-Betroffenen?

Sie sprühen vor Energie, sind oft neugierige, kreative Menschen, die etwas Besonderes beitragen können.  Wenn sie etwas interessant finden, sind sie zu Höchstleistungen in der Lage. Sehr wahrscheinlich war Mozart hyperaktiv oder auch viele Erfinder und Start-up-Gründer. Sie sind oft mutig und unerschrocken, wagen etwas. 

Was brauchen ADHS-Betroffene?  

Viel Verständnis von Eltern, Lehrpersonen und Partnern. Aber vor allem auch bei der Behandlung eine erfahrene Therapeutin oder ein erfahrener Therapeut an der Seite. Einfache praktische Beispiele sind: Ablenkungen reduzieren, wie nebenbei TV schauen oder Musik hören. Gut ist, wenn sie Aufgaben Schritt für Schritt anzupacken lernen und viel Struktur im Alltag herrscht.

Wird die Diagnose ADHS auch gestellt, um Lehrer und Eltern zu entlasten? Oder ist sie eher ein Stigma?

Ja, beides kann der Fall sein. Gesamthaft betrachtet suchen aber Eltern und Lehrer immer erst nach verschiedenen anderen Möglichkeiten und Lösungen, das betrifft vor allem auch die Behandlung. Insgesamt empfehlen wir vor einer Diagnosestellung auch einen «runden Tisch», bei dem Kind, Eltern, Lehrer schauen, wie man das Kind unterstützen könnte. Erst danach erfolgt die ausführliche Diagnostik durch Experten. Dann kann die Diagnose ein Stigma sein. Das hat sicher aber zum Glück sehr stark gewandelt. Bei Vorliegen einer Diagnose haben Schüler in der Schule einen Nachteilsausgleich zugute.

Leiden wir nicht alle an zunehmender Unkonzentriertheit?

Heute leiden wir wohl alle unter der Reizüberflutung des Internets und der Mobilgeräte oder der Nachrichtenfluten und der ständigen Erreichbarkeit. Das führt teilweise zu Unkonzentriertheit. Der Konsum an News und leicht verfügbaren Interaktionen steigt.  Aber all das ist für Betroffene mit ADHS ein noch grösserer Risikofaktor als für nicht betroffene Personen. Das zeigt sich auch klar in Studien und Metaanalysen: Bei ADHS steigt das Risiko für pathologischen Medienkonsum und auch zum Beispiel für Übergewicht – das war vor 20 Jahren noch deutlich weniger der Fall.

von Silvia Schütz,

veröffentlicht am 09.10.2023


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